Shanghai/München, 20. Oktober 2026 (frz)

SMIC hat im zweiten Quartal 2026 den stärksten Ergebnisausweis seiner Geschichte vorgelegt. Umsatz: 3,01 Milliarden Dollar – erstmals in einem Quartal über dieser Marke, plus 36 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Nettogewinn: 479 Millionen Dollar, ein Anstieg um 262 Prozent gegenüber Q2 2025. Die Bruttomargen kletterten von 20,1 auf 25,3 Prozent. Co-CEO Zhao Haijun sprach auf dem Earnings Call von einem Quartal mit Wachstum „in Volumen und Preis" gleichzeitig – eine Kombination, die in der Halbleiterindustrie selten ist.

Der Treiber ist eindeutig: KI-Infrastruktur. Nicht Prozessoren oder GPUs – die kann SMIC mangels EUV-Lithografie nicht auf Weltklasse-Niveau fertigen – sondern die begleitenden Chips daneben. Power-Management-ICs für KI-Server, Logik-ICs für Rechenzentren, Optikmodule, Display-Treiber. Zhao bezifferte das als „surging AI-fuelled demand for chips other than CPUs and GPUs." Das ist SMICs wirklicher Markt: der breite Unterbau der KI-Infrastruktur, der in China durch Importsubstitution und Lieferkettenlokalisierung gerade mit Hochdruck aufgebaut wird.

Der Engpass ist real

Die Kapazitätsauslastung lag im zweiten Quartal bei 93,7 Prozent – knapp unterhalb des selbst gesetzten Deckels von 95 Prozent, den SMIC für Forschung und Entwicklung freihalten will. Die monatliche Kapazität entspricht 1,1 Millionen Wafer im 8-Zoll-Äquivalent; Wafer-Lieferungen stiegen gegenüber dem Vorquartal um 14,4 Prozent. Zhao sagte Analysten offen, dass „Future wafer starts are far exceeding our previous expectations" – und dass man Ausrüstung in bestehenden Werken mit freiem Platz nachinstallieren wird.

Zum Vergleich: Zu Jahresbeginn hatte das Management noch mit flachen Umsätzen gerechnet. Diese Prognose war Makulatur bereits im Juli, als sich abschirrte, dass AI-bezogene Bestellungen früher ankommen als geplant. Für Q3 2026 erwartet SMIC ein weiteres Umsatzplus von 2 bis 4 Prozent gegenüber Q2 – bei einer Bruttomarge von 26 bis 28 Prozent. Waferpreise werden ein weiteres Quartal in Folge erhöht.

Für MSCI-China-Investoren ist das operativ ein starkes Signal. SMIC handelt bei einem Forward-KGV von etwa 37 bis 60 – je nach Zeitpunkt und Quelle – und hat 2025 einen Rekordumsatz von 9,3 Milliarden Dollar erzielt. Die Nachfrage ist strukturell: 90 Prozent des Umsatzes kommen aus China, wo die Lokalisierung der Lieferketten ungeachtet aller externen Unsicherheiten weiterläuft.

Der Widerspruch, den die Kurszahlen nicht auflösen

Genau in dieser Phase operativer Stärke rückt Washington mit dem bisher schärfsten Sanktionsansatz auf Fabrik-Ebene an.

Im April 2026 brachten beide Parteien im US-Kongress den sogenannten MATCH Act ein – Multilateral Alignment of Technology Controls on Hardware Act. Kernziel: ein vollständiges Exportverbot für DUV-Lithografiemaschinen nach China, namentlich gegen SMIC, Huawei, YMTC, CXMT und Hua Hong. Wichtig: Nicht zusätzliche Einschränkungen für EUV, das SMIC ohnehin nicht bekommt. Sondern DUV – die älteren, verfügbaren Maschinen, die SMIC heute nutzt, um 7-Nanometer-Chips über Mehrfachbelichtung herzustellen.

Ohne DUV kein N+2-Node. Ohne N+2 kein Huawei Ascend, kein Kirin 9030, keine chinesische KI-Chip-Fertigung auf fortgeschrittenem Niveau. DUV ist für SMIC das, was EUV für TSMC ist: die Basis der fortschrittlichen Produktion. Der MATCH Act zielt auf die einzige technologische Handlungsfreiheit, die China in der Chip-Fertigung noch hat.

Dass das Gesetz noch nicht verabschiedet wurde, ist kein Freifahrtschein. SMIC-Co-CEO Zhao Haijun räumte bereits im Februar 2026 ein, dass bereits vorab beschaffte Schlüsselausrüstung nicht in Betrieb genommen werden kann, weil komplementäre Geräte fehlen – eine direkte Folge der laufenden Exportrestriktionen. Die Lücke zwischen dem ambitionierten gesamtchinesischen Expansionsziel (Verfünffachung der 7nm/5nm-Kapazität innerhalb von ein bis zwei Jahren, getragen von SMIC, Hua Hong und Huawei-affiliierten Unternehmen) und der realen Installierbarkeit ist messbar.

Was das für Investoren bedeutet

Es gibt eine strukturelle Zweiteilung in SMICs Geschäftsmodell, die jeder MSCI-China-Investor kennen sollte.

Reife Nodes – 28nm und älter – sind das Standbein. Hier ist die Auslastung hoch, die Preise steigen, die Kunden sind locked in. Dieser Teil des Geschäfts profitiert direkt davon, dass TSMC und Samsung ihre Kapazitäten in Richtung KI-fortgeschrittene Nodes verlagern und damit reife Kapazität verknappen. SMIC kann Preise durchsetzen, wie Q2 zeigt.

Fortschrittliche Nodes – 7nm/5nm – sind das politische Spielbein. Hier ist SMIC Chinas einzige Option. Hier liegt die strategische Bedeutung, aber auch die regulatorische Angriffsfläche. Die Yield-Raten für 7nm liegen nach externen Schätzungen bei 20 bis 40 Prozent – weit unter globaler Konkurrenz – und die Fertigungskosten bleiben entsprechend hoch. Staatliche Subventionen, nicht Markteffizienz, machen diesen Teil des Geschäfts tragfähig.

Der Big Fund III und sechs staatliche Banken haben Anfang 2026 insgesamt 7,78 Milliarden Dollar in SMIC South injiziert, gezielt für den Ausbau fortschrittlicher Nodes. Der nationale IC-Fonds erhöhte seinen Anteil an SMIC (H-Aktien) von 4,79% auf 9,25% – diese Anteilserhöhung resultiert jedoch primär aus der separaten SMIC-North-Transaktion (Aktientausch), nicht aus der SMIC-South-Kapitalerhöhung. Das schafft eine politisch gesetzte Kursuntergrenze – aber keine Antwort auf die technologische Engstelle.

Drei Fragen, die offen bleiben

Für Investoren im MSCI China sind es letztlich drei Fragen, die weder das Q2-Ergebnis noch Zhao Haijuns Formulierungen vollständig beantworten:

Erstens: Wird der MATCH Act oder ein äquivalentes Instrument DUV-Wartung und Neulieferung nach China unterbinden? Wenn ja, beginnt SMICs fortschrittliche Produktion zu erodieren – und zwar nicht sofort, sondern graduell, sobald bestehende Maschinen nicht mehr serviciert werden können.

Zweitens: Kann SMIC die Yield-Rate auf 7nm und 5nm schnell genug steigern, um ohne wachsende Gerätebasis kostendeckend zu werden? Aktuell macht diese Produktion nur wegen Staatssubventionen Sinn.

Drittens: Hält der AI-Peripheral-Chip-Boom bei reifen Nodes lange genug an, um den Investitionsaufwand zu rechtfertigen – auch wenn der fortgeschrittene Ast unter Druck gerät?

SMIC ist keine normale Halbleiterwette. Es ist eine geopolitisch eingebettete Infrastrukturwette auf Chinas Fähigkeit, sein KI-Ökosystem ohne westliche Lieferketten zu betreiben. Die Q2-Zahlen zeigen: das Unternehmen funktioniert besser als erwartet. Der MATCH Act zeigt: der politische Wille, es zu begrenzen, ist schärfer als je zuvor. Beides ist wahr, gleichzeitig.