• ICBC steigert den Quartalsgewinn im dritten Quartal um 9,97 Prozent auf 111,96 Mrd. Yuan, nach neun Monaten steht ein Plus von nur 5,83 Prozent.
  • Der Treiber ist die Passivseite: Die Zinsaufwendungen sinken um rund zehn Prozent, die Zinserträge geben leicht nach, die Marge steigt um ein Basispunkt auf 1,29 Prozent.
  • Im MSCI China hält ICBC H 2,63 Prozent und ist hinter CCB der zweitgrößte Bankwert; drei Staatsbanken zusammen stellen gut neun Prozent des Index.

Peking/Frankfurt, 3. November 2026 (kap) – Man kann einer Bank beim Wachsen zusehen und dabei trotzdem nichts über ihre Preismacht lernen. ICBC liefert dafür das Lehrstück des Quartals. Die größte Bank der Welt nach Bilanzsumme, so Reuters, meldete am 30. Oktober für das dritte Quartal einen Nettogewinn von 111,958 Mrd. Yuan, gegenüber 101,805 Mrd. Yuan im Vorjahr. Der Konsens liest darin die Genesung einer jahrelang gepressten Ertragskraft. Wir lesen etwas anderes: die Rückkehr einer alten Technik, die wir die Passivseiten-Dividende nennen.

Wer bezahlt den Gewinn?

Legt man die Posten nebeneinander, entsteht ein anderes Bild als die Schlagzeile. Nach den A-Aktien-Angaben, die The Paper ausgewertet hat, fielen die Zinserträge der ersten neun Monate um 0,85 Prozent auf 996,5 Mrd. Yuan, während die Zinsaufwendungen um 10,20 Prozent auf 477,5 Mrd. Yuan sanken. Der Zinsüberschuss legte im dritten Quartal um 11,25 Prozent auf 177,8 Mrd. Yuan zu. Die Kredite wachsen dagegen nur um 5,66 Prozent, die Bilanzsumme aber um 8,13 Prozent auf 57,82 Billionen Yuan.

Die Bank verdient also, weil sie weniger für Einlagen zahlt und mehr in Anleihen parkt, nicht weil sie Kredite teurer verkauft. Die Nettozinsmarge von 1,29 Prozent liegt laut 21jingji nur ein Basispunkt über dem Vorjahr und deutlich unter dem Branchenschnitt von 1,38 Prozent. Präsident Liu Jun sagte schon im August, die Stabilisierung speise sich aus günstigeren und besser strukturierten Verbindlichkeiten, nicht allein aus der Neubepreisung von Einlagen. Jede Dividende dieser Art hat ein Verfallsdatum, sobald der Einlagenzins seine Untergrenze erreicht.

Chinas Zinsselbstdisziplin-Mechanismus hat laut China News verdeckte Zinszahlungen auf Einlagen in der Branche unterbunden. Ob chinesische Sparer irgendwann Alternativen finden, ist die offene Flanke dieses Modells.

Was die Bilanz verschweigt

Unter der Gewinnzeile arbeitet die Vorsicht. Der Bestand notleidender Kredite beträgt 416,8 Mrd. Yuan und liegt damit 17,8 Mrd. Yuan über dem Jahresende, wie 21jingji berichtet. Die Quote bleibt bei 1,29 Prozent, weil der Nenner wächst, die Deckungsquote fällt um 1,96 Punkte auf 211,64 Prozent. Die Wertberichtigungen stiegen nach den A-Aktien-Zahlen um 19,65 Prozent auf 152,1 Mrd. Yuan. Das Provisionsgeschäft, die andere Säule, wuchs in neun Monaten um 1,55 Prozent auf 92,3 Mrd. Yuan. Aus den Halbjahreswerten (69,2 Mrd. Yuan, plus 3,30 Prozent) ergibt sich nach unserer Rechnung für das dritte Quartal ein Rückgang um etwa drei Prozent.

Das ist keine Krise. Es ist die Bilanz einer Institution, die Wachstum kauft, solange der Staat die Preise der Passivseite stützt. Entsprechend selbstbewusst klingt die Gegenrechnung: Zum 20. Börsenjubiläum rechnet Vorstandssekretär Tian Fenglin laut Hong Kong Commercial Daily kumulierte Ausschüttungen von 1,69 Billionen Yuan vor.

Der Index-Rahmen

Für Investoren im MSCI China zählt die Konzentration. Laut MSCI-Factsheet (Stand September 2026) hält ICBC H 2,63 Prozent, hinter China Construction Bank mit 4,33 Prozent und vor Bank of China mit 2,13 Prozent. Zusammen sind das 9,09 Prozent in drei Häusern mit nahezu identischem Geschäftsmodell. Der Finanzsektor kommt auf 20,98 Prozent und liegt knapp hinter dem Sektor Consumer Discretionary mit 22,56 Prozent. Ein Index, der Chinas Tech-Wachstum abbilden soll, trägt damit einen Staatsbanken-Block, dessen Ertrag von politisch gesetzten Einlagenzinsen abhängt.

Die Kapitalflüsse stützen diese Lesart eher, als dass sie sie widerlegen. Caixin beziffert die Zuflüsse in breite Festlandsfonds auf 153,4 Mrd. Yuan in der Woche vom 19. bis 23. Oktober und deutet sie als institutionelles Stützungskaufen. Der iShares MSCI China ETF notierte am 30. Oktober mit 48,89 US-Dollar auf seinem 52-Wochen-Tief. Die Stützung konzentriert sich damit auf die Festlandsbreite, während der US-gelistete MSCI-China-Fonds am Jahrestief steht.

Positionierung

Wir sorgen uns weniger um die Dividende als um ihre Herkunft. Ein Korb, der ICBC, CCB und Bank of China als „Carry-Anker" hält, bekommt Ausschüttung und niedrige Volatilität, zahlt aber mit einer Risikoprämie, die dem Einlagenzins gehört. Wer die Prämie neu bewerten will, braucht Gegengewichte, deren Erträge nicht an der Marge hängen: Gebühren, Zahlungsverkehr, grenzüberschreitende Abwicklung. ICBC selbst zielt dorthin. Liu Jun nannte am 21. Oktober auf dem Finanzstraßen-Forum die internationale Reichweite digitaler Währungen eine Frage der Gesamtstärke eines Landes; im ersten Halbjahr wickelte die Gruppe 5,5 Billionen Yuan grenzüberschreitend in Renminbi ab, plus 9 Prozent. Der ICIJ hat im September zudem Kunden mit Verbindungen zu russischen Rüstungslieferketten beschrieben, ein Reputationsrisiko, das mit jeder Auslandsexpansion wächst.

Offen bleibt, wie viele Quartale die Passivseite noch trägt, was geschieht, wenn Einlagenzinsen nicht weiter fallen, und ob die MSCI-Überprüfung vom 11. November die Gewichte der Staatsbanken berührt. Ebenso offen ist, ob 211 Prozent Deckung genügen, wenn der Immobilienzyklus nochmals dreht.