Peking/Frankfurt, 12. Mai 2026 – Seit Jahren baut Baidu an einem KI-Chip-Unternehmen, das kaum jemand auf dem Radar hatte. Nun wurde aus dem internen Projekt ein börsenreifer Kandidat mit zweistelliger Milliarden-Dollar-Bewertung. Kunlunxin, Baidus KI-Chip-Tochter, reichte am 29. April 2026 die STAR-Board-Notierungsberatungsregistrierung bei der CSRC-Peking-Niederlassung ein – während der Hongkong-IPO-Prozess seit Januar bereits läuft. Der Dual-IPO ist mehr als ein Kapitalbeschaffungs-Move. Er ist Robin Lis Antwort auf eine unbequeme Frage: Wie beweist man den Wert einer KI-Transformation, wenn die Muttergesellschaft im Bewertungsabschlag feststeckt?
Ein Chip-Unternehmen, zwei Börsen, eine Strategie
Laut CSRC-Aufzeichnungen und The Standard reichte Kunlunxin die Notierungsberatungsregistrierung am 29. April 2026 bei der CSRC-Peking-Niederlassung ein – mit der China International Capital Corp. (CICC) als Beratungsinstitut. Die öffentliche Bekanntmachung wurde am 8. Mai 2026 weithin wahrgenommen. Der Schritt folgt auf die vertrauliche Einreichung bei der Hongkonger Börse, die Baidu bereits am 1. Januar 2026 kommuniziert hatte.
Die Struktur ist bewusst gewählt: Zunächst Hongkong, dann Shanghai. Analysten aus Peking beschreiben es als doppelte Absicherung – und als Verhandlungshebel. Mit der STAR-Board-Option im Rücken kann Kunlunxin gegenüber Hongkonger Underwritern und Ankerinvestoren auf Preisdruck reagieren: Wer zu stark drückt, riskiert, dass das Unternehmen den chinesischen Kapitalmarkt priorisiert.
Baidus Anteil an Kunlunxin liegt bei 57,67 Prozent. Unter den weiteren Aktionären befindet sich die China Internet Investment Fund, eine staatlich kontrollierte Investmentgesellschaft.
Von der internen Kostenstelle zum nationalen Chip-Champion
Kunlunxin ist kein Startup. Baidu begann 2011 mit der Kunlun-Chip-Forschung; die interne Business Unit Kunlunxin wurde 2012 gegründet und im April 2021 als eigenständige Einheit ausgegliedert und erstmals extern finanziert. Die Entwicklungsgeschichte ist eng mit Chinas Halbleiter-Ambition verknüpft: Als die USA die Exportbeschränkungen für Nvidia-Chips gegenüber chinesischen Unternehmen verschärften, rückte Kunlunxin als domestische Alternative in den Mittelpunkt.
Heute ist das Unternehmen kein exklusiver Baidu-Lieferant mehr. Im Jahr 2025 stammten bereits mehr als 50 Prozent der Erlöse von externen Kunden. Ein Schlüsselereignis war der August 2025: Kunlunxin gewann eine Großausschreibung von China Mobile für KI-Inferenz-Server. Das war das erste Mal, dass ein chinesischer KI-Chip-Hersteller in zentralen Auftragsvergaben eines staatlichen Telekommunikationsriesen dominierte.
Auf der Produktseite ist der Fahrplan klar: Der M100, optimiert für groß angelegte Inferenz-Workloads, soll 2026 auf den Markt kommen; der M300 für ultra-große multimodale Modelle folgt 2027. Begleitet werden die Chips von den Tianchi-Supernode-Systemen, von denen der Tianchi 512 nach Unternehmensangaben das Training von Modellen mit einer Billion Parametern ermöglichen soll.
Die Finanzlage: Transformation mit Schmerzen
Die Zahlen zeigen, wie schwierig Baidus Übergang ist. Im Gesamtjahr 2025 erzielte Baidu einen Gesamtumsatz von 129,1 Milliarden Yuan. Die KI-Neugeschäfte wuchsen stark – Baidu Core AI-powered Business Revenue erreichte rund 40,0 Milliarden Yuan, im vierten Quartal 2025 machte das KI-Geschäft bereits 43 Prozent des Kernsegmentumsatzes aus. Gleichzeitig belasteten Abschreibungen auf Anlagevermögen in Höhe von 16,2 Milliarden Yuan das Ergebnis erheblich: Baidu verzeichnete für 2025 ein bereinigtes operatives Ergebnis (Non-GAAP) von 15,0 Milliarden Yuan, während das ausgewiesene Nettoergebnis durch die Wertberichtigungen gedrückt wurde.
Die Botschaft von CFO He Haijian auf der Ergebniskonferenz war dennoch konstruktiv: Die operative Cashflow-Wende gelang. Im dritten Quartal 2025 wurde der operative Cashflow positiv, im vierten Quartal hielt er an – insgesamt generierte Baidu im zweiten Halbjahr 2025 einen operativen Cashflow von rund 3,9 Milliarden Yuan (Q3: 1,3 Mrd. + Q4: 2,6 Mrd.).
Für das KI-Cloud-Segment präsentierte Cloud-Präsident Dou Shen starke Zahlen: Die AI Cloud Revenue von Baidu wuchs 2025 auf 30 Milliarden Yuan, die KI-Infrastruktur-Umsätze stiegen um 34 Prozent. Im vierten Quartal wuchs der Umsatz mit KI-Beschleuniger-Infrastruktur im Abonnementmodell um 143 Prozent im Jahresvergleich.
Warum Kunlunxins IPO für Baidu-Aktionäre relevant ist
Der eigentliche strategische Wert des Dual-IPO liegt in der Neubewertung. Solange Kunlunxin Teil des Baidu-Konzerns bleibt, wird es zusammen mit dem rückläufigen Suchwerbegeschäft bewertet – und erhält entsprechend einen Konglomeratsabschlag.
Eine unabhängige Notierung schafft einen separaten Bewertungsrahmen. Weitreichend ist die Einschätzung von JPMorgan, die Kunlunxin in einem Bewertungsrahmen zwischen 40 Milliarden und 49 Milliarden US-Dollar sehen.
Als Baidu die STAR-Board-Einreichung am 8. Mai 2026 öffentlich bekannt wurde, stieg die Baidu-Aktie in Hongkong spürbar an.
Was bedeutet das für Investoren mit MSCI-China-Exposure?
Baidu hat laut MSCI China Tech 100 Factsheet (April 2026) ein Gewicht von ca. 1,15 Prozent im MSCI China – eine relevante, aber in der öffentlichen Diskussion oft unterschätzte Position. Für Investoren stellen sich vier offene Fragen:
Wird die Bewertungslücke geschlossen? Kunlunxins Abspaltung könnte Baidus Summe-der-Teile-Bewertung signifikant erhöhen – aber nur, wenn der IPO tatsächlich vollzogen wird und die Marktbedingungen einen angemessenen Preis erlauben. Regulatorische Genehmigungen stehen noch aus.
Wie kompetitiv ist Kunlunxin wirklich? Huawei strebt bis Ende 2026 nach Marktführerschaft im chinesischen KI-Chip-Markt. Die Frage, ob Kunlunxin Inferenz-Workloads effizienter als Nvidia- und Huawei-Chips bearbeiten kann, ist noch nicht abschließend beantwortet.
Hält die KI-Monetarisierung das Tempo? Das traditionelle Suchanzeigengeschäft verliert weiter Marktanteile an ByteDance, Xiaohongshu und andere Plattformen. Der Schlüsselindikator ist, ob der KI-Umsatzanteil die 50-Prozent-Marke in der ersten Hälfte 2026 überschreitet.
Wie entwickelt sich Apollo Go? Baidus autonomes Fahrdienst-Segment erzielte im zweiten Quartal 2025 über 2,2 Millionen Fahrten weltweit. CEO Robin Li hat angekündigt, 2026 in mehreren Städten die Gewinnschwelle auf Einzeleinheiten-Basis zu erreichen. Die separaten strategischen Kooperationen mit Uber und mit Lyft für autonome Fahrzeugtests in London sowie die Kooperation in Dubai sind weitere Indikatoren.
Baidu ist ein Unternehmen in struktureller Transformation – mit echten KI-Assets, die in der aktuellen Konzernbewertung nicht angemessen sichtbar sind. Der Kunlunxin-Dual-IPO ist der Mechanismus, mit dem Robin Li diese Unsichtbarkeit beenden will.
