Peking/Berlin, 19. Mai 2026
Ein Konzern, der an der Hongkonger Börse auf rund 25 Milliarden Dollar taxiert wird, plant die Abspaltung einer Tochtergesellschaft zu einer Bewertung von 20 Milliarden Dollar. Diese Arithmetik ist nicht falsch gerechnet – sie ist das Kernparadox, mit dem Kuaishou-Gründer und CEO Cheng Yixiao (程一笑) die Kapitalmärkte gerade herausfordert.
Am 12. Mai sprangen Kuaishous Aktien zeitweise um zehn Prozent, nachdem Berichte des chinesischen Technologiemediums LatePost und der South China Morning Post bekannt wurden: Kuaishou verhandelt mit externen Investoren – darunter Tencent als potenzieller Ankerinvestor – über eine Pre-IPO-Finanzierungsrunde für sein KI-Videomodell Kling. Ziel ist die Aufnahme von rund 2 Milliarden Dollar zu einer Unternehmensbewertung von 20 Milliarden Dollar. Ein unabhängiges Börsenlistig in Hongkong ist für 2027 geplant. Kuaishou selbst bestätigte, die Restrukturierung zu prüfen.
Kling AI: Von der internen Wette zur eigenständigen Bewertungseinheit
Kling AI startete im Juni 2024 als Kuaishous Antwort auf OpenAIs Sora – ein multimodales Videogerationssystem, das Text, Bilder und Ton zu Videoclips synthetisiert. Was damals als strategische Nebenwette begann, hat sich seither in eine eigenständige Erlösmaschine verwandelt, die das Unternehmen intern umstrukturiert.
Kling erzielte 2025 einen Jahresumsatz von rund 1,04 Milliarden Yuan (ca. 143–153 Millionen US-Dollar): der ARR lag im Januar 2026 bereits bei über 300 Millionen Dollar. Laut Marktberichten ist dieser ARR bis Ende April 2026 auf 500 Millionen Dollar gestiegen – eine Verdoppelung gegenüber dem Stand vor dem chinesischen Neujahr. Das Wachstum kommt schnell: Von 240 Millionen Dollar ARR im Dezember 2025 auf 500 Millionen in weniger als fünf Monaten.
Zu Klings Profil gehört auch die geografische Struktur: Internationale Nutzer tragen rund 70 Prozent des Umsatzes. Unternehmenskunden (B2B) machen 40 Prozent der Erlöse aus, professionelle Nutzer 60 Prozent. Damit ist Kling kein reines Konsumentenprodukt, sondern eine Plattform, die sich an Film-, Werbe- und Content-Industrie richtet.
Das Bewertungsparadox – und warum es rational sein könnte
Was auf den ersten Blick wie Zahlenmystik wirkt, hat eine institutionelle Logik. JPMorgan-Analyst Chen Qi veröffentlichte am 12. Mai eine Analyse: Bei einem ARR-Multiplikator von 40x und einem prognostizierten ARR von 1,3 Milliarden Dollar für das erste Quartal 2027 ergibt sich für Kling eine Gesamtbewertung von bis zu 52 Milliarden Dollar. Abzüglich eines 50-prozentigen Holdingdiscounts liegt Kuaishous Anteilswert an Kling bei rund 26 Milliarden Dollar.
Morgan Stanley und Haitong International teilen die grundsätzliche Einschätzung: Eine Abspaltung würde erheblichen Wert freisetzen, weil der Markt reinen KI-Unternehmen deutlich höhere Multiples zuweist als diversifizierten Plattformkonzernen. Der Widerspruch ist also kein Rechenfehler – er ist die Prämisse, auf der die gesamte Transaktion aufgebaut ist.
Kerngeschäft unter Druck: Die andere Seite der Bilanz
Was die Abspaltungslogik so dringlich macht, ist der gleichzeitige Gegenwind im Mutterkonzern. Kuaishous tägliche aktive Nutzer stiegen 2025 auf 410 Millionen (Jahresdurchschnitt) – im vierten Quartal verlor das Unternehmen auf Quartalsbasis 8 Millionen Nutzer, der niedrigste Anstieg seit dem Börsengang. Das Livestreaming-Geschäft schrumpfte im vierten Quartal um 1,9 Prozent. Zum 2026 hat Cheng Yixiao ankündigt, das GMV nicht länger separat auszuweisen: ein Signal, das Analysten als Eingeständnis einer strukturellen Wachstumsverlangsamung lesen.
Parallel dazu hat Kuaishou ein Capex-Programm angekündigt, das Investoren aufhorchen lässt: CFO Jin Bing (金秉) bekräftigte im März 2026, der Konzern plane für das laufende Jahr Kapitalausgaben von rund 26 Milliarden Yuan – 11 Milliarden mehr als 2025. Der entscheidende Vergleich: Kuaishous bereinigter Nettogewinn 2025 betrug 20,6 Milliarden Yuan (GAAP-Gewinn: 18,6 Mrd. Yuan). Die Investitionen übersteigen also den gesamten Jahresgewinn. Der Großteil soll in Klings Modellentwicklung und Rechenzentrumsausbau fließen.
Wettbewerb: Seedance 2.0 und die Preisdynamik
Die strategische Kulisse für den Spin-off ist auch eine kompetitive. ByteDances KI-Videomodell Seedance 2.0 wurde Anfang 2026 zum direkten Konkurrenten von Kling. Preiserhöhungen bei Seedance signalisieren laut Analysten, dass sich der KI-Videomarkt von einem reinen Preiswettbewerb in Richtung Profitabilität verschiebt – ein Umfeld, das für Abspaltungen und eigenständige Bewertungen günstig ist.
Cheng Yixiao wertete Seedances Technologieroute auf der Ergebnistelefonkonferenz als Bestätigung: Beide Unternehmen setzen auf multimodale Eingabestrukturen, was Klings Richtungsentscheidung nachträglich valide. Im Februar 2026 folgte Kling 3.0 mit einem All-in-One-Ansatz, der multimodale Eingabe und Ausgabe in einem einzigen Modellrahmen zusammenführt.
OpenAIs im März 2026 überraschend angekündigter Rückzug von Sora zeigt gleichzeitig, wie kapitalintensiv dieser Markt ist: Selbst der Pionier des KI-Videosegments konnte das Modell nicht dauerhaft wirtschaftlich tragen.
Kapitalstruktur als Signal
Bemerkenswert ist, was im chinesischen Unternehmensregister bereits sichtbar ist: Zwei Peking-Gesellschaften wurden am 8. Mai 2026 in „Beijing Kling Technology Co., Ltd." und „Beijing Kling Lingdong Technology Co., Ltd." umbenannt – beide zu 100 Prozent im Besitz von Kuaishou. Das deutet auf eine bereits laufende rechtliche Vorbereitung hin, die über informelle Sondierungsgespräche hinausgeht.
Parallel dazu plant Kuaishou eine Ausschüttung von rund 3 Milliarden Hongkong-Dollar als Schlussdividende (HK$0,69 je Aktie) – kombiniert mit laufenden Aktienrückkäufen ein Signal, dass das Unternehmen trotz hoher Capex-Ambitionen eine kapitalfreundliche Haltung demonstrieren will.
Was bedeutet das für Investoren mit MSCI-China-Exposure?
Kuaishou ist eine mittelgroße Position im MSCI China – groß genug, um bei einer strukturellen Neubewertung spürbar zu werden. Für MSCI-China-Investoren ergeben sich aus der aktuellen Nachrichtenlage folgende offene Fragen:
Timing der Transaktion: Pre-IPO-Gespräche können sich über Monate hinziehen oder platzen. Kuaishou hat bestätigt, die Restrukturierung zu „prüfen" – aber noch kein verbindliches Term Sheet kommuniziert. Die Aktienreaktion (+10%) hat bereits einen Teil des potenziellen Upside vorweggenommen.
Bewertungsvalidierung: Ob ein ARR von 500 Millionen Dollar für Kling tatsächlich belastbar ist – oder ob es sich um zeitlich konzentrierte Abschlüsse handelt – bleibt eine offene Frage. Analysten weisen darauf hin, dass transparentere Umsatzdaten für die Pre-IPO-Due-Diligence erforderlich sein werden.
Capex vs. freier Cashflow: Kann Kuaishou die 26-Milliarden-Yuan-Capex bei gleichzeitig sinkendem Kerngeschäftswachstum ohne Bilanzstress stemmen? CFO Jin Bing hat angekündigt, auch 2026 einen positiven freien Cashflow anzustreben – die Spannung zwischen Investitionsambition und Cashflow-Stabilität bleibt einer der wichtigsten Bewertungsparameter.
Holdingdiskount: JPMorgans Analyse setzt einen 50-prozentigen Holdingdiskount an. Ob der Markt diesen Abschlag tatsächlich so bepreist oder ob er sich bei wachsender Transparenz verringert, entscheidet darüber, wann sich der volle Bewertungseffekt der Abspaltung in der Kuaishou-Aktie materialisiert.
