Veldhoven/Berlin, 10. Mai 2026

Sieben Konzerne, ein Signal — und eine Deadline: 27. Mai

Es sind keine gewöhnlichen Unterzeichner, die am 5. Mai 2026 in Handelsblatt und Corriere della Sera das Wort ergriffen. Christophe Fouquet für ASML, Guillaume Faury für Airbus, Börje Ekholm für Ericsson, Arthur Mensch für Mistral AI, der Nokia-Chef, Christian Klein für SAP und Roland Busch für Siemens — zusammen repräsentieren diese sieben CEOs laut dem Bericht von eeNews Europe ein Marktvolumen von rund 417 Milliarden Euro Umsatz, fast 1,1 Billionen Euro Marktkapitalisierung und über 957.000 Hightech-Arbeitsplätze. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Europa verliert täglich an globaler Wettbewerbsfähigkeit.

Das Manifest ist kein Höflichkeitsgesuch. Es folgt einem direkten Treffen der Unterzeichner mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und erscheint zu einem strategisch gewählten Zeitpunkt: Am 27. Mai 2026 präsentiert die Europäische Kommission ihr “Tech Sovereignty Package” — ein Maßnahmenpaket für die Halbleiterindustrie und KI-Infrastruktur, dessen Inhalt noch unter Verhandlung steht.

Was die CEOs konkret fordern

Der Kernvorwurf der Unterzeichner ist scharf formuliert. Mehr als drei Jahre nach dem „ChatGPT-Moment" debattiere Europa noch über Regulierung, während andere Regionen längst damit begonnen hätten, KI in physische Systeme und Robotik zu skalieren. Die Forderungen sind dreigeteilt:

Erstens: KI-Regulierung radikal vereinfachen. Der EU AI Act soll nach dem Willen der CEOs von einem Regelwerk mit starren Detailanforderungen zu „agilen Leitplanken" umgebaut werden, die mit der Technologieentwicklung Schritt halten. Konkret geht es um vertragliche Freiheiten für Datenräume, Schutz geistigen Eigentums und industrielle KI-Anwendungen ohne überlappende Auflagen.

Zweitens: Kapital mobilisieren. Die Unterzeichner fordern marktgetriebene Sektorpolitik, besser koordinierte nationale Strategien und die vollständige Realisierung der Spar- und Investitionsunion, um privates Kapital für Durchbruchsprojekte zu katalysieren.

Drittens: Eine geopolitisch kohärente Industriestrategie. Europa brauche einen einheitlichen Handels- und Industrieansatz, der europäische Interessen schützt und gleichzeitig Unternehmen erlaubt, global zu agieren. Dazu fordern die CEOs ein permanentes Forum, in dem Wirtschaft und Politik kontinuierlich aligned bleiben.

Fouquet zwischen Milken und Veldhoven

Dass Fouquet die Initiative anführt, ist kein Zufall. Am selben Tag, an dem das Manifest erschien, trat der ASML-CEO auf der Milken Institute Global Conference in Beverly Hills auf — einem der wichtigsten Investorentreffen der Welt. Dort skizzierte er eine These, die direkt in das europäische Manifest einspielt: ASML gehe davon aus, dass der KI-Chipmarkt für die nächsten zwei bis drei, möglicherweise fünf Jahre angebotsbereinigt sein werde. Die großen Hyperscaler — Google, Microsoft, Amazon, Meta — würden schlicht nicht alle Chips erhalten, für die sie zahlten.

Diese Einschätzung ist für Investoren hochrelevant: Sie kommt vom Einzigen, der die Engpassmaschinen baut. ASML ist der alleinige weltweite Hersteller von EUV-Lithographieanlagen, ohne die moderne Hochleistungschips nicht existieren würden. Die Anlage selbst — das High-NA-EUV-Gerät der neuesten Generation — kostet 350 Millionen Dollar aufwärts und ist auf die nächsten zehn bis zwanzig Jahre ausgelegt, wie Fouquet in Beverly Hills betonte.

Interner Umbau als Beweis des Ernst

Die europäischen Reformforderungen klingen umso glaubwürdiger, weil Fouquet sie intern bereits vorlebt. Im Januar 2026 kündigte ASML an, rund 1.700 Stellen zu streichen — fast ausschließlich Management- und IT-Koordinationsrollen, nicht Ingenieurspositionen. Stattdessen sollen rund 1.400 neue Engineering-Stellen entstehen. Die Umstrukturierung betrifft hauptsächlich die Niederlande, mit reduzierten Auswirkungen in den USA. CFO Roger Dassen kommentierte die Gesamtentwicklung mit den Worten, 2026 entwickle sich „sehr stark" — das Unternehmen hob seine Jahresumsatzprognose auf 36 bis 40 Milliarden Euro an, nach zuvor 34 bis 39 Milliarden Euro.

Drei niederländische Gewerkschaften, darunter CNV und FNV, haben Einwände gegen die Stellenstreichungen erhoben. Die Verhandlungen laufen noch. Dennoch ist die strategische Botschaft des Managements klar: ASML transformiert sich von einem schnell gewachsenen Matrixkonzern zu einer produkt- und modulzentrierten Engineering-Organisation — genau die Art von Agilität, die das europäische Manifest von der gesamten Branche fordert.

China-Exposition bleibt die größte Unbekannte

Im Hintergrund läuft das geopolitische Risiko weiter. China machte zuletzt 33 Prozent des ASML-Umsatzes aus — nach 41 Prozent im Vorjahr. Fouquet erwartet, dass dieser Anteil 2026 weiter deutlich sinken wird. Auf der Milken-Konferenz stellte er klar, dass kein einziges EUV-Gerät nach China geliefert wurde und dass ASML per Generationenabstand — zwei bis drei Chipgenerationen — exportiert: aktuell Maschinen aus dem Jahr 2015.

Die Forderung des europäischen Manifests nach einer „kohärenten geopolitischen Strategie" lässt sich direkt auf diese Problematik lesen: Europäische Exportkontrollregimes und US-amerikanische Restriktionen führen derzeit dazu, dass eine niederländische Firma nach amerikanischem Diktat ihre Handelsstrategie gestaltet — ein Zustand, den die sieben Unterzeichner mit strukturellen Reformen dauerhaft adressieren wollen.

Was bedeutet das für Investoren mit MSCI-Europe-Exposure?

Das europäische Tech-Manifest ist mehr als eine Pressemitteilung — es ist ein Stimmungsbarometer für sieben der schwersten MSCI-Europe-Gewichtungen gleichzeitig. Für Investoren stellen sich nun mehrere offene Fragen:

  • Liefert das Tech Sovereignty Package am 27. Mai? Enttäuscht die EU-Kommission, dürfte die Glaubwürdigkeit der europäischen Technologiepolitik massiv leiden — mit direkten Implikationen für Bewertungsaufschläge europäischer Tech-Titel gegenüber US-Peers.
  • Wie stark kann ASML den China-Umsatzrückgang durch AI-Nachfrage kompensieren? Der Auftragsbestand aus dem Taiwan-Korea-US-Cluster wächst, doch der Zeitplan für High-NA-Rampen bleibt ein kritischer Unsicherheitsfaktor.
  • Setzt der Stellenabbau einen europäischen Management-Effizienztrend in Gang? ASML könnte als Pionier fungieren — oder als Einzelfall bleiben. Beides hätte unterschiedliche Implikationen für Kostenbasis und Margen europäischer Industriewerte.
  • Welche Signalwirkung hat Fouquets “Supply-Limited”-These auf Chipdesigner und Foundries im Index? TSMC, Samsung und die großen Hyperscaler als Abnehmer haben direkte Rückkopplungseffekte auf ASMLs Auftragsbuch — und damit auf die Gewichtungen im MSCI Europe.