Basel/Berlin, 10. Mai 2026

Es war der größte Patentablauf in der Geschichte von Novartis — und Vas Narasimhan hatte keine Wahl, als ihn frontal anzugehen. Im ersten Quartal 2026 meldete der Basler Pharmariese einen Nettoumsatz von 13,1 Milliarden US-Dollar, ein Minus von einem Prozent gegenüber dem Vorjahr auf berichteter Basis und von fünf Prozent in konstanten Währungen. Analysten hatten mit 13,5 Milliarden gerechnet. Der Aktienkurs gab in Zürich um 2,9 Prozent nach.

Doch hinter den enttäuschenden Topline-Zahlen zeichnet sich eine Geschichte in zwei Geschwindigkeiten ab: Während Traditionsmedikamente wie Entresto, Promacta und Tasigna durch Generika-Erosion massiv unter Druck geraten, wachsen die Wachstumstreiber des Konzerns mit beeindruckenden Raten. Der Brustkrebswirkstoff Kisqali steigerte seinen Umsatz um 55 Prozent auf 1,5 Milliarden Dollar. Pluvicto, Kesimpta, Scemblix und Leqvio lieferten weitere starke Beiträge — konnten die Einbußen im Bestandsportfolio in diesem Quartal jedoch nicht vollständig kompensieren.

Patent-Cliff: „Der größte Exklusivitätsverlust in Novartis’ Geschichte"

Narasimhan machte bei der Quartalspräsentation am 28. April keinen Hehl aus dem Ernst der Lage. „Wir haben für ein erstes Halbjahr geführt, das herausfordernd sein würde — wir wussten, dass diese Generika kommen", sagte er. „Es ist tatsächlich der größte Exklusivitätsverlust in Novartis’ Geschichte." Die Erosion durch US-Generika traf Entresto, Promacta und Tasigna jeweils zwischen sieben und 17 Prozent unterhalb der Analystenschätzungen — stärker als vom Markt erwartet.

Das operative Ergebnis brach entsprechend ein: Das Betriebsergebnis sank um neun Prozent auf 4,2 Milliarden Dollar, der Nettogewinn fiel um 13 Prozent auf 3,2 Milliarden Dollar. Der Core-EPS landete bei 1,99 Dollar — unter dem Konsens von 2,10 Dollar. Die Core-Marge schrumpfte um 4,1 Prozentpunkte, belastet durch höhere Forschungsausgaben und den Bruttomargendruck durch Generika.

Trotz alledem hielt Novartis seine Jahresprognose aufrecht: niedriges einstelliges Umsatzwachstum in konstanten Währungen, leichter Rückgang beim Core-Betriebsergebnis — ebenfalls im niedrigen einstelligen Bereich. Der Free Cash Flow zeigte sich mit 3,3 Milliarden Dollar robust.

Avidity-Deal treibt Nettoverschuldung auf 38 Milliarden Dollar

Ein wesentlicher Treiber der Bilanzveränderung: Novartis schloss im Berichtsquartal die Übernahme von Avidity Biosciences ab — ein Deal im Volumen von rund zwölf Milliarden Dollar, der die Nettoverschuldung von 21,9 Milliarden Ende 2025 auf 38,1 Milliarden Dollar per 31. März 2026 hochschnellen ließ. Avidity stärkt insbesondere die Neurowissenschafts-Pipeline mit Ansätzen gegen neuromuskuläre Erkrankungen.

Parallel dazu betrieb Novartis sein laufendes Aktienrückkaufprogramm: Im ersten Quartal wurden 10,4 Millionen Aktien für 1,6 Milliarden Dollar über die zweite Handelslinie der Schweizer Börse SIX zurückgekauft. Von dem im Juli 2025 angekündigten Programm von bis zu zehn Milliarden Dollar sind noch rund 6,1 Milliarden Dollar offen.

Remibrutinib: Die Pille mit Pipeline-Potenzial

Hoffnungsträger auf der F&E-Seite ist Remibrutinib, ein hochselektiver oraler BTK-Hemmer. Das Mittel erhielt eine positive CHMP-Bewertung für chronische spontane Urtikaria und lieferte positive Phase-III-Ergebnisse bei chronisch induzierbarer Urtikaria. Phase-II-Daten in der Nahrungsmittelallergie eröffnen ein weiteres Indikationsfeld — Narasimhan sprach vom „Pipeline-in-einer-Pille"-Potenzial des Wirkstoffs. Der Konzern plant, im zweiten Halbjahr 2026 eine Phase-III-Studie in der Nahrungsmittelallergie zu starten. Zusätzlich wurden frühe Deals zur Stärkung der Brustkrebs- und Allergiefranchise bekannt gegeben.

Narasimhans Doppelstrategie: Washington bedienen, Brüssel unter Druck setzen

Der eigentliche Paukenschlag des Quartals kam nicht aus den Finanzzahlen, sondern aus Narasimhans politischen Aussagen. Der Novartis-CEO warnte in einem CNBC-Interview: „Die Realität von MFN wird sich in den nächsten 18 Monaten durchsetzen." MFN — Most Favoured Nation — ist Trumps Preisreformansatz, der US-Arzneimittelpreise an die günstigsten Preise in anderen Industrieländern koppeln soll. Für Novartis betreffe der Mechanismus derzeit nur etwa fünf bis zehn Prozent des Umsatzes im Medicaid-Segment — aber die längerfristigen Implikationen seien „erheblich", so Narasimhan.

Novartis hat vorgesorgt: Im Dezember 2025 schloss der Konzern eine Vereinbarung mit der US-Regierung, die eine dreijährige Zollerleichterung gegen Preiszugeständnisse und Investitionsverpflichtungen vorsieht. Bereits im April 2025 hatte Novartis ein 23-Milliarden-Dollar-Programm zum Ausbau der US-Fertigung und Forschung angekündigt — inklusive eines 1,1-Milliarden-Dollar-Biomedizin-Forschungszentrums in San Diego und neuer Produktionsstätten in North Carolina, Florida und Texas. Narasimhans Ziel: Bis Ende des Jahrzehnts sollen 100 Prozent der wichtigsten US-Produkte vollständig in den USA hergestellt werden.

Gleichzeitig schlägt Narasimhan in Europa die Alarmglocke. Gemeinsam mit Sanofi-CEO Paul Hudson hat er einen Brief an die EU-Kommission mitunterzeichnet, der ein grundlegendes Umdenken in der europäischen Arzneimittelpreisgestaltung fordert. „Europa braucht ein komplettes Umdenken", sagte Narasimhan. Die deutschen Behörden gingen sogar in die „falsche Richtung", was ihn „sehr besorge". Wenn die US-MFN-Preise Realität werden, müssten europäische Regierungen ihrerseits mehr für Innovation zahlen — sonst drohten Verzögerungen beim Zugang zu neuen Medikamenten.

Was bedeutet das für Investoren mit MSCI-Europe-Exposure?

Novartis ist mit einem Gewicht von 2,1 Prozent eine signifikante Position im MSCI Europe. Die Quartalsergebnisse werfen für Anleger mehrere offene Fragen auf:

  • Patent-Cliff-Verlauf: Wie schnell kann Kisqali, Pluvicto und Co. das Volumenwachstum im zweiten Halbjahr tatsächlich übernehmen — und reicht das, um den Guidance-Korridor am oberen Ende zu verteidigen?
  • MFN-Eskalation: Falls Trumps Preispolitik über Medicaid hinaus auf Medicare ausgeweitet wird, wie stark würde das die Novartis-Marge ab 2027/2028 belasten, und sind die IRA-Verhandlungsrunden für 2028 bereits eingepreist?
  • Bilanzspielraum nach Avidity: Mit 38,1 Milliarden Dollar Nettoverschuldung und laufendem Rückkaufprogramm — wie viel Flexibilität bleibt für weitere Akquisitionen, falls attraktive Pipeline-Assets auf den Markt kommen?
  • Europa-Regulierung als Gegenwind: Sollten europäische Regierungen auf Narasimhans Kritik mit weiteren Preissenkungen reagieren, könnte der MSCI-Europe-Pharmablock strukturell unter Druck geraten — weit über Novartis hinaus.