Novo Nordisks Wegovy-Pille verdoppelt Erwartungen: Doustdar hebt Guidance an — doch der Gegenwind bleibt
Kopenhagen/Berlin, 9. Mai 2026 — Knapp neun Monate nach seinem Amtsantritt liefert Maziar Mike Doustdar als CEO von Novo Nordisk seinen ersten echten Erfolgsmoment: Die Quartalszahlen für das erste Quartal 2026, veröffentlicht am 6. Mai, übertrafen die Erwartungen des Marktes — und das in einem Segment, auf das Investoren sehnlichst gewartet hatten.
Wegovy-Pille als Wende-Signal: 355 Millionen Dollar im ersten Quartal
Der Umsatz der oral eingenommenen Wegovy-Pille — offiziell im Januar 2026 in den USA eingeführt — erreichte im ersten Quartal 2,26 Milliarden dänische Kronen, umgerechnet rund 354 Millionen US-Dollar. Analysten hatten lediglich 1,16 Milliarden Kronen erwartet: Das Ergebnis lag damit fast doppelt so hoch wie die Konsensschätzungen. Insgesamt wurden im Quartal rund 1,3 Millionen Verschreibungen ausgestellt; seit dem Marktstart summiert sich die Gesamtzahl auf mehr als 2 Millionen — laut Novo Nordisk der stärkste GLP-1-Volumenstart in der Geschichte des US-Marktes.
CEO Doustdar sprach von einer klaren Trendwende. Wegovy komme auf einen Anteil von 65 Prozent aller neuen Verschreibungen im US-Markt für Adipositasmedikamente, sagte er gegenüber CNBC — und bezeichnete die Lage als „turnaround situation". Die Aktie legte am Tag der Ergebnisveröffentlichung in Kopenhagen um rund 3 Prozent zu.
Guidance angehoben — aber mit Vorsicht zu lesen
Auf Basis des stärker als erwarteten Quartalsergebnisses hob Novo Nordisk seine Jahresprognose an. Das Unternehmen erwartet nun für 2026 einen Rückgang des bereinigten Umsatzes sowie des bereinigten Betriebsgewinns von 4 bis 12 Prozent auf konstanter Währungsbasis — eine Verschiebung um einen Prozentpunkt gegenüber der vorherigen Prognose von minus 5 bis minus 13 Prozent. Jefferies-Analysten kalkulierten den neuen Korridor auf einen Gesamtumsatz zwischen 264 und 288 Milliarden Kronen (rund 42 bis 45 Milliarden US-Dollar) für das Gesamtjahr.
Allerdings übten die Jefferies-Analysten auch Zurückhaltung: Der einseitig angehobene Guidancekorridor — nur das obere Ende wurde verschoben — werde vom Markt möglicherweise als unzureichend wahrgenommen. CFO Karsten Munk Knudsen räumte zudem ein, dass die US-Preise für Ozempic weiterhin um jährlich 10 bis 15 Prozent sinken — eine Erosion, die sich gegenüber 2025 nicht verändert hat.
Doustdars Ausgangslage: Zwischen Aufbruch und Altlasten
Der neue CEO trat im August 2025 das Erbe von Lars Fruergaard Jørgensen an, der das Unternehmen nach acht Jahren auf Druck des Boards und der Novo Nordisk Foundation verlassen hatte. Auslöser war ein drastischer Kursverlust: Seit Mitte 2024 hatte die Aktie zeitweise rund 56 Prozent ihres Werts eingebüßt. Über die vergangenen zwölf Monate sank der Kurs noch immer um fast 40 Prozent, während Erzrivale Eli Lilly im gleichen Zeitraum rund 18 Prozent zulegte.
Doustdar, zuvor als EVP International Operations für ein Vertriebsnetz von 80 Tochtergesellschaften außerhalb der USA verantwortlich, gilt als operativer Pragmatiker. Unter seiner Führung hatte der Umsatz in den Internationalen Operationen zuvor auf rund 112 Milliarden Kronen mehr als verdoppelt. Sein erklärtes Ziel: „multiple legs" für langfristiges Wachstum jenseits des GLP-1-Franchise aufzubauen.
Das Duell mit Eli Lilly: Pille gegen Pille
Der April brachte eine neue Front im Kampf um den globalen Adipositas-Markt: Eli Lilly erhielt die FDA-Zulassung für seine eigene Adipositas-Pille, Foundayo, womit Novo Nordisks kurzer Alleingang im oralen Segment endete. Die frühen Verschreibungsdaten zeigen jedoch eine deutliche Kluft: Wegovy Pill erzielte in seiner vergleichbaren Startphase ein Vielfaches der Foundayo-Zahlen — laut Branchenberechnungen hatte Lilly in der dritten Woche nach dem US-Launch lediglich 5.612 Verschreibungen gegenüber mehr als 18.000 bei der Wegovy-Pille in deren erster voller Woche.
Doustdar sagte gegenüber CNBC, der Umsatz der Pille wachse trotz des Lilly-Einstiegs im zweistelligen Bereich. Auf die Frage nach Kannibalisierungseffekten zwischen der Pille und dem Injektor antwortete er, man beobachte keinen Verdrängungseffekt, sondern einen synergistischen Effekt zwischen beiden Darreichungsformen — rund 80 Prozent der Wegovy-Pill-Nutzer hätten zuvor noch kein GLP-1-Präparat eingenommen.
Gegenwind: Generika in Kanada und MFN-Preisabkommen
Während die Pille Aufwind liefert, verschärfen sich die strukturellen Herausforderungen. In Kanada genehmigte Health Canada Ende April zwei Generika des Blockbusters Ozempic — eines von Dr. Reddy’s Laboratories (Indien), eines von Apotex (Kanada). Sobald drei Generika auf dem Markt sind, greift in Kanada eine gesetzlich verankerte Preisreduktion von 65 Prozent auf den Listenpreis, was den internationalen Umsatz mit Semaglutid — dem Wirkstoff hinter Ozempic und Wegovy — substanziell belasten dürfte. Sieben weitere Generika befinden sich bei Health Canada im Prüfverfahren.
Hinzu kommt ein im November 2025 mit der US-Regierung vereinbartes „Most Favoured Nations"-Abkommen (MFN), das Preissenkungen von rund 50 Prozent für Wegovy und 35 Prozent für Ozempic gegenüber den aktuellen Listenpreisen über Medicare Part D und Medicaid vorsieht. Die finanziellen Auswirkungen dieses Abkommens werden ab 2027 voll sichtbar werden.
Gleichzeitig zeigt Novos Pipeline-Kandidat CagriSema Schwächen: Eine im Februar 2026 publizierte Studie ergab, dass das Kombinationspräparat hinter Lillys Zepbound zurückblieb — was den Kurs auf ein neues 5-Jahrestief drückte. Auf längere Sicht wächst der Wettbewerb: Pfizer, Amgen, AstraZeneca und Roche arbeiten an eigenen GLP-1-Kandidaten.
Internationale Expansion als Wachstumspuffer
Ein stabilisierender Faktor bleibt das Internationale Geschäft: Im EUCAN-Raum wuchsen die Umsätze um 23 Prozent auf konstanter Währungsbasis, in der APAC-Region um 22 Prozent. Für die zweite Jahreshälfte 2026 plant Novo Nordisk den Launch der Wegovy-Pille in ersten Märkten außerhalb der USA — vorbehaltlich behördlicher Genehmigungen. Im April genehmigte die EMA zudem eine aktualisierte Produktkennzeichnung für Wegovy-Injektion, die eine Lagerung bei bis zu 30 Grad Celsius für 48 Stunden erlaubt — eine logistische Erleichterung vor allem für Schwellenländer.
Was bedeutet das für Investoren mit MSCI-Europe-Exposure?
Novo Nordisk zählt zu den schwergewichtigsten Positionen im MSCI Europe. Die Q1-Zahlen liefern erste Entlastung — aber die strukturellen Fragen bleiben offen:
- Preiserosion: Wie schnell werden die MFN-Preiszugeständnisse und die kanadischen Generika den Konzernumsatz ab 2027 belasten — und wie belastbar ist die aktuelle Guidance wirklich?
- Pipeline-Risiko: Kann Novo Nordisk nach dem CagriSema-Rückschlag einen überzeugenden Next-Generation-Kandidaten vorweisen, bevor Lilly mit seiner Triple-Wirkstoff-Therapie Marktanteile sichert?
- Oral-Markt-Dynamik: Wie entwickeln sich die Verschreibungszahlen für Wegovy-Pille, wenn Foundayo mit verbesserter Versicherungsabdeckung und breiterer Distribution Fahrt aufnimmt?
- Doustdars strategische Handschrift: Wie rasch kann der neue CEO die angekündigte Diversifizierung über das GLP-1-Franchise hinaus mit konkreten Pipeline-Ergebnissen untermauern?
