Mumbai/Pune, 10. Mai 2026 — Mit einem Federstrip im Quartalsbericht hat Indien größter privater Konsumkreditgeber Bajaj Finance einen Meilenstein erreicht, der die Wachstumsstory des Konzerns auf eine neue Ebene hebt: Das konsolidierte verwaltete Vermögen (AUM) überstieg zum ersten Mal die Marke von ₹5 Billion (lakh crore) und schloss das Geschäftsjahr 2025/26 bei ₹5,09 Billion — ein Plus von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert von ₹4,17 Billion. Für Investoren mit Exposure im MSCI India Index, in dem Bajaj Finance mit einem Gewicht von rund 2 Prozent vertreten ist, stellen sich nach den Zahlen vom 29. April 2026 gleich mehrere Folgefragen.
Gewinnplus von 22 % — aber die Zusammensetzung zählt
Auf konsolidierter Basis kletterte der Nachsteuergewinn (PAT) im vierten Quartal FY26 (Januar bis März 2026) um 22 Prozent auf ₹5.553 Crore. Auf Einzelgesellschaftsbasis fiel das Plus mit 23 Prozent auf ₹4.840 Crore sogar etwas schärfer aus, getragen von einem robusten Zinsüberschuss und deutlich geringeren Kreditausfallrückstellungen. Bereinigt um einen Sonderposten — eine zusätzliche Expected-Credit-Loss-Rückstellung von ₹147 Crore — hätte das zugrunde liegende standalone PAT sogar 27 Prozent zugelegt, auf ₹4.950 Crore.
Das Nettozinseinkommen (NII) wuchs in Q4 FY26 um 20 Prozent auf ₹11.781 Crore, verglichen mit ₹9.808 Crore im Vorjahreszeitraum. Für das Gesamtjahr FY26 meldete Bajaj Finance einen konsolidierten Jahresgewinn von ₹19.332 Crore — ein Wert, der die langfristige Wachstumstrajektorie des Unternehmens eindrucksvoll unterstreicht.
Das Unternehmen buchte im abgelaufenen Geschäftsjahr 51,95 Millionen neue Darlehen, was einem Anstieg von 21 Prozent gegenüber den 43,04 Millionen im Vorjahr entspricht. Im Quartal selbst wurden 1,28 Crore neue Kredite vergeben — ebenfalls ein Plus von 20 Prozent gegenüber Q4 FY25.
Das ₹5-Billion-AUM: Wachstum trifft auf Bewertungsfrage
Der Durchbruch über die ₹5-Billion-AUM-Schwelle ist mehr als ein symbolischer Akt. Auf Einzelgesellschaftsbasis wuchs das AUM um 21 Prozent auf ₹3,73 Billion; konsolidiert — inklusive der börsennotierten Tochter Bajaj Housing Finance (BHFL) — erreichte das AUM ₹5,09 Billion. Das Management hat für FY27 eine Guidance von 22 bis 24 Prozent AUM-Wachstum ausgegeben — eine Zielsetzung, die die Wachstumsrate des breiten NBFC-Sektors, der für FY26 bei rund 15 bis 17 Prozent liegen dürfte, deutlich übertrifft.
Für FY27 erwartet Bajaj Finance, 15 bis 17 Millionen neue Kunden zu gewinnen. Dabei will das Unternehmen gezielt auf Segmente setzen, in denen der eigene Marktanteil noch gering ist — Goldkredite, Traktoren und Nutzfahrzeugfinanzierung.
Das Konglomerat erhöhte zudem den genehmigten Kreditaufnahmerahmen auf Vorstandsbeschluss vom 29. April 2026 von ₹375.000 Crore auf ₹550.000 Crore — ein Signal, dass für das Wachstum auch eine deutlich ausgedehnte Refinanzierungsbasis benötigt wird. Dieser Schritt bedarf noch der Aktionärszustimmung.
Trotzdem mahnen einige Analysten zur Vorsicht. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Bajaj Finance liegt auf Basis der letzten zwölf Monate zwischen 29,8x und 34,25x — deutlich über dem Branchendurchschnitt von 20 bis 21x und über dem vergleichbarer Großbanken wie HDFC Bank (rund 25x) oder ICICI Bank (rund 22x). Macquarie stuft die Aktie auf “Underperform” und verweist darauf, dass das Wachstum in FY26 das schwächste in 15 Jahren — pandemiebedingte Ausreißer herausgerechnet — war. Motilal Oswal hält den Wert mit einem Kursziel von ₹1.000 auf “Neutral”, während HSBC eine Kaufempfehlung mit Ziel ₹1.200 aufrechterhält. Emkay Global stufte jüngst auf “Reduce” zurück.
Gemischte Signale bei der Kreditqualität
Die Asset-Quality-Trends zeigen ein zweigeteiltes Bild: Die Brutto-NPA-Quote stieg leicht auf 1,27 Prozent per 31. März 2026, gegenüber 1,18 Prozent ein Jahr zuvor. Die Netto-NPA-Quote hingegen verbesserte sich von 0,56 auf 0,52 Prozent. Die Rückstellungsdeckungsquote (PCR) auf Stage-3-Aktiva liegt bei 60 Prozent — gegenüber 54 Prozent im Vorjahr, was auf eine gestiegene Vorsicht hinweist.
Das Management prognostiziert Nettokreditausfälle für FY27 in einer Bandbreite von 1,45 bis 1,60 Prozent, nach annualisierten Kreditkosten von 1,6 Prozent in Q4 FY26. Ein leichter Rückgang der Nettozinsmarge (NIM) für FY27 ist offiziell eingepreist — ein Zugeständnis an den kompetitiven Kreditgebungsmarkt und die erwarteten Nachwirkungen des laufenden RBI-Zinssenkungszyklus.
RBI-Zinszyklus als doppelschneidiges Schwert
Die Reserve Bank of India hat den Repo-Satz zuletzt auf 5,25 Prozent gesenkt, nach einem vorangegangenen Lockerungszyklus. In einem fallenden Zinsumfeld profitieren NBFCs strukturell zunächst von sinkenden Refinanzierungskosten, da ihre Kreditbücher überwiegend zu Festzinsen ausgepreist sind, während die Verbindlichkeiten variabel verzinst werden. Analysten erwarten für die nächsten Quartale eine NIM-Ausweitung von bis zu 20 bis 80 Basispunkten im NBFC-Sektor insgesamt.
Die Kehrseite: Wettbewerb durch große Banken — insbesondere im Kreditkartengeschäft — wächst. Und die Regulierungstätigkeit der RBI gegenüber NBFCs hat in den vergangenen Quartalen spürbar zugenommen, mit verschärften Normen bei Rückstellungen, Konzentrationsrisiken und Co-Lending-Partnerschaften.
Board-Wechsel und Dividende
Am Rande der Ergebnisveröffentlichung gab Bajaj Finance bekannt, dass Rajiv Bajaj — nicht zu verwechseln mit Konzernchairman Sanjiv Bajaj — sein Mandat als nicht geschäftsführender Direktor nicht zur Wiederwahl stellen wird. Er wird sein Amt mit der Jahreshauptversammlung am 30. Juli 2026 (Ende der Geschäftszeiten) niederlegen. Der Board würdigte seine “wertvolle Tätigkeit und seinen Beitrag während seiner langen Verbindung mit dem Unternehmen”.
Für das Gesamtjahr FY26 hat der Vorstand eine Schlussdividende von ₹6 je Stammaktie (Nominalwert ₹1) empfohlen. Darin enthalten ist eine Sonderzahlung von ₹0,60 je Aktie aus dem Ausnahmegewinn auf den Verkauf von BHFL-Anteilen. Der Aufzeichnungstag für dividendenberechtigte Aktionäre ist der 30. Juni 2026; bei Genehmigung auf der Jahreshauptversammlung soll die Dividende am oder um den 3. August 2026 gutgeschrieben werden.
Was bedeutet das für Investoren mit MSCI-India-Exposure?
Bajaj Finance ist mit rund 2 Prozent Gewichtung im MSCI India Index vertreten und steht exemplarisch für die Frage, wie Indiens Konsumkreditboom in einem sich wandelnden Zinszyklus bewertet werden sollte. Die Zahlen des Q4 FY26 werfen konkrete Fragen auf:
- Bewertung vs. Wachstum: Kann Bajaj Finance ein KGV von über 30x rechtfertigen, wenn das FY27-Managementziel “kleine NIM-Kompression” und Kreditkosten von 1,45 bis 1,60 Prozent einschließt — oder komprimiert das Bewertungsmultiple, sobald das Gewinnwachstum unter 20 Prozent fällt?
- AUM-Qualität im Zinswechsel: Wie schnell gibt Bajaj Finance RBI-Zinssenkungen an Kreditnehmer weiter — und welchen Puffer bietet das steigende Provisioning Coverage Ratio von 60 Prozent, falls Brutto-NPAs weiter steigen?
- Boardgouvernanz nach Rajiv Bajaj: Verändert der Abgang eines Familienmitglieds aus dem Board die strategische Ausrichtung des Unternehmens — oder stärkt er die Unabhängigkeit?
- Wettbewerb und Regulierung: Wie verändert ein aggressiver Vorstoß großer Banken in Kreditkarten und Konsumkredite die Marktanteile von Bajaj Finance — und wie reaktionsschnell ist das Unternehmen auf potenzielle neue NBFC-Regulierungsmaßnahmen der RBI?
