Mumbai/Frankfurt, 19. Mai 2026

Ein 71-jähriger Banker, der eigentlich nicht mehr will. Ein CEO, dessen Mandat in fünf Monaten ausläuft. Und ein Board, der sich nicht einigen kann: HDFC Bank, Indiens größte Privatbank mit über 120 Millionen Kunden, steuert auf eine Führungskrise zu, die in ihrer Gleichzeitigkeit ihresgleichen sucht.

Am gestrigen Abend berichtete Business Standard, dass Keki Mistry — seit März als Interims-Chairman eingesetzt — aller Voraussicht nach eine Verlängerung seines Mandats erhalten wird. Nicht weil er das will, sondern weil der Board keine Alternative hat.

Mistry sagte selbst: Nein. Und doch bleibt er.

Mistry wurde am 19. März 2026 für drei Monate als Interims-Chairman eingesetzt, nachdem Atanu Chakraborty mit einem knappen Rücktrittsschreiben den Posten verlassen hatte — in dem er u.a. auch eine Aussage zur Bedeutung der mittleren und unteren Mitarbeiterebene machte — mit dem Hinweis, bestimmte Vorgänge und Praktiken innerhalb der Bank seien nicht kongruent mit seinen persönlichen Werten. Die Aktie verlor am 19. März 2026 im Tagesverlauf bis zu 9% und schloss rund 5,1% tiefer.

Mistry’s Drei-Monats-Mandat endet am 19. Juni 2026. Er hatte schon früh signalisiert, dass er über diesen Zeitraum hinaus nicht zur Verfügung stehe. Dennoch berichten Quellen, die Business Standard und Moneycontrol zitierten, dass die Bank die Reserve Bank of India (RBI) um eine weitere 90-Tage-Verlängerung bitten will — was Mistry bis in den Oktober führen würde. Einer Quelle zufolge laufen informelle Gespräche, ohne dass ein konkreter Name für den Posten auf dem Tisch liegt.

CEO Jagdishan hatte nach den Q4-FY26-Zahlen öffentlich für Mistry geworben: Er und Deputy MD Kaizad Bharucha seien “dafür”, dass Mistry als Interims-Chairman weitermache. “Der Board wird seine Entscheidung treffen”, sagte Jagdishan damals. Was er nicht sagte: Der Board ist noch weit davon entfernt, diese Entscheidung zu treffen.

Das eigentliche Problem: Zwei Vakanzen, ein Zeitfenster

Was Investoren bisher kaum als zusammenhängendes Risiko wahrgenommen haben, kristallisiert sich immer klarer heraus: HDFC Bank steht möglicherweise im Herbst 2026 sowohl ohne permanenten Chairman als auch ohne bestätigten CEO da.

Jagidhans aktuelles Mandat als MD & CEO endet am 26. Oktober 2026. Die Bank hat beim RBI die offizielle Wiederberufung beantragt. Zwei unabhängige Anwaltskanzleien — Trilegal und Wadia Ghandy & Co. — haben nach Abschluss ihrer Governance-Prüfung keine wesentlichen Mängel festgestellt. Die RBI soll keine Einwände gegen die Wiederberufung haben.

Doch das formale Verfahren dauert. Und das Chairman-Problem ist davon völlig unabhängig: Keine der bisher diskutierten Personen hat dem Vernehmen nach zugesagt. Informelle Gespräche des Nomination and Remuneration Committee (NRC) laufen, aber ohne Ergebnis. Ein erfahrener Banker, der mit dem Prozess vertraut ist, sagte Moneycontrol, es könne noch ein bis zwei Monate dauern.

Was Chakrabaortys Abgang wirklich hinterlassen hat

Die eigentliche Ursache der aktuellen Governance-Turbulenz liegt in dem, was Chakraborty hinterließ — oder besser: nicht hinterließ. Sein Rücktrittsschreiben, datiert auf den 17. März 2026, enthielt keine konkreten Vorwürfe, keine belegbaren Sachverhalte, keine Empfehlungen. Nur der Hinweis auf eine Inkongruenz mit persönlichen Werten.

Die Governance-Prüfung durch die Anwaltskanzleien untersuchte Protokolle und Videoaufzeichnungen von Board- und außerordentlichen Hauptversammlungen der vergangenen drei Jahre. Ergebnis: keine wesentlichen Lapses. Doch der Imageschaden ist kaum messbar. Jefferies hielt sein Buy-Rating auf HDFC Bank aufrecht; einzelne Berichte deuteten auf Verkäufe aus dem Eigenbestand hin, was von einem Coverage-Downgrade zu unterscheiden ist. Und das alles in einem Markt, in dem die HDFC-Bank-Aktie seit dem 40-Milliarden-Dollar-Merger mit der Muttergesellschaft HDFC Ltd. im Jahr 2023 rund 5 Prozent verloren hat — während der Rivale ICICI Bank im gleichen Zeitraum um 33 Prozent zulegte und der Nifty 50 um 24 Prozent.

Der Merger-Schatten über allem

Hinter der Führungsdebatte steht ein tieferes Problem: Die Integration des HDFC-Ltd.-Mergers ist noch nicht abgeschlossen. HDFC Ltd. hatte vor dem Merger ca. ₹7 lakh crore eigene Assets (~87 Mrd. USD bei 2023-Wechselkurs); der kombinierte Balance Sheet nach dem Merger betrug über ₹18 lakh crore — aber auch eine vergleichsweise kleine Einlagenbasis, strukturelle Margenkompression und operative Komplexität.

CEO Jagdishan hat das Kreditbuch in FY26 um 12 Prozent gesteigert, die Einlagen um 14,4 Prozent — und damit die eigene Zielvorgabe leicht übertroffen. Die Bank betreibt erstmals seit dem Merger eine positive Credit-Deposit-Dynamik. Das operationelle Momentum ist vorhanden.

Aber: Die Governance-Unsicherheit erzeugt einen messbaren Bewertungsabschlag. HDFC Bank handelt derzeit bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 15–17, was unterhalb früherer Premiumbewertungen liegt. Und solange beide Führungsposten formal unbesetzt sind, dürfte dieser Abschlag persistent bleiben.

Was bedeutet das für Investoren mit MSCI-India-Exposure?

HDFC Bank war laut MSCI-India-Factsheet (Stand: Dezember 2025) mit einer Gewichtung von 8,01% die schwerste Position im MSCI India Index. Institutionelle Investoren, die den Index tracken, tragen die Governance-Story damit automatisch im Portfolio.

Mehrere Fragen bleiben bis auf weiteres offen:

Wer wird Chairman? Der Markt hat noch keinen Namen. Jede Kandidatur muss von der RBI genehmigt werden — ein Prozess, der Wochen dauern kann. Bis Klarheit herrscht, bleibt das Leadership-Vakuum ein reales Risiko.

Bekommt Jagdishan ein drittes Mandat? Die Signale von RBI und Governance-Prüfern sind positiv. Aber die formale Genehmigung steht noch aus — und die Erfahrung mit IndusInd Bank zeigt, dass die RBI bei unklaren Governance-Verhältnissen auch zu unerwarteten Entscheidungen fähig ist.

Wie lange trägt die Bank den Merger-Integrationsdruck? Solange die operative Verbesserung nicht in einer Bewertungsanpassung sichtbar wird, bleibt die Aktie strukturell unter Druck — unabhängig vom Chairman-Poker.

Was, wenn Mistry doch ablehnt? Lehnt er die 90-Tage-Verlängerung ab, muss der Board innerhalb von Wochen einen Kandidaten benennen, ihn beim RBI einreichen und genehmigen lassen — parallel zur laufenden CEO-Wiederberufung. Das wäre der eigentliche Stresstest für Indiens systemrelevanteste Privatbank.