Bengaluru/Frankfurt, 12. Mai 2026

Es gibt Unternehmen, die eine Führungsnachfolge souverän managen. Und es gibt Unternehmen, bei denen die Nachfolgefrage schleichend zum Governance-Risiko wird. Infosys steht gerade an der Grenze zwischen beiden.

Im Juni entscheidet die Hauptversammlung des Bangalore-Konzerns über die Zukunft von CEO Salil Parekh. Die Optionen sind bekannt. Alle drei sind risikobehaftet. Und eine davon wird unweigerlich gewählt werden müssen.

Drei Optionen — keine einfache

Parekhs aktuelles fünfjähriges Mandat läuft bis März 2027. Das Rentenalter für geschäftsführende Direktoren bei Infosys ist auf 60 Jahre festgelegt — eine Grenze, die Parekh bereits überschritten hat.

Daraus ergeben sich drei denkbare Szenarien für die Hauptversammlung:

Option 1 – Zweijährige Verlängerung: Der Board erwägt laut ETtech eine zweijährige Verlängerung, um einen strukturierten Nachfolgeplan zu ermöglichen. “Ich glaube nicht, dass es mehr als eine zweijährige Verlängerung geben kann. Die Verlängerung wird genutzt, um einen Nachfolgeplan auszuarbeiten und umzusetzen”, zitiert ETtech eine Quelle aus dem Unternehmensumfeld.

Option 2 – Drittes volles Mandat: Ein drittes volles Mandat würde eine Sonderresolution mit 75 Prozent Aktionärsstimmenmehrheit erfordern — und steht in Spannung zur Corporate-Governance-Orthodoxie, die Infosys seit 2017 aufgebaut hat.

Option 3 – Übergang zu neuem CEO: Mohit Joshi, einst der meistdiskutierte Nachfolgekandidat, verließ das Unternehmen 2023, um Tech Mahindra zu führen. Ravi Kumar S. wurde im selben Jahr CEO von Cognizant. Die naheliegendsten Kandidaten sind damit weg.

Die leere Bank

Was dieses Governance-Dilemma schärfer macht, ist nicht die Frage ob Parekh bleibt — sondern warum die Frage überhaupt so komplex ist.

CFO Nilanjan Roy trat im Dezember zurück. Das aktuelle Team unter dem neuen CFO Jayesh Sanghrajka gilt als kompetent, enthält aber keinen offensichtlichen CEO-Kandidaten, wie ihn etwa TCS intern aufgebaut hat.

Ein drittes Mandat würde signalisieren, dass das Unternehmen keine starke Führungsreserve aufgebaut hat. “Das ist die unbequeme Lesart einer zweijährigen Verlängerung”, erklärt Dev Chandrasekhar, der Unternehmen in Governance-Fragen berät. “Eine kurze Verlängerung sichert Kontinuität, signalisiert aber ein langsames Tempo der Erneuerung — genau dann, wenn die Branchenpreise neu geschrieben werden."

Besonders pikant: Infosys genehmigte Parekh zuletzt ESOPs im Wert von ₹51,75 Crore als leistungsbasierte Vergütung — eine Vergabe, die Fragen aufwirft, wie der Board die Nachfolgefrage und Anreizsysteme gleichzeitig navigiert.

Parekhs Bilanz: Stark — und unvollendet

Fest steht: Parekhs Amtszeit hat das Unternehmen stabilisiert. “Parekh hat die Blutungen gestoppt, die Glaubwürdigkeit wiederhergestellt und das Unternehmen zu diszipliniertem Wachstum zurückgeführt. Das ist kein kleines Erbe. Aber die Zahlen definieren die Amtszeit seines Nachfolgers. Der KI-Umsatzanteil, das Modell, das Time-and-Materials ersetzt, die Margenstruktur eines plattformisierten Unternehmens — das werden nicht die Zahlen sein, die seine Amtszeit definiert haben”, erläutert Chandrasekhar.

Die FY26-Zahlen sind solid: Infosys erzielte im vierten Quartal FY26 einen Nettogewinn von ₹8.501 Crore, ein Plus von 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Gesamtjahr erreichte der Umsatz 20,158 Milliarden US-Dollar — ein Wachstum von 3,1 Prozent.

Doch der Markt quittierte das Ergebnis mit Skepsis. Die Infosys-Aktie verlor am Tag nach der Ergebnisveröffentlichung (24. April 2026) rund sieben Prozent (Intraday-Tief: -7,1%; Handelsschluss: -6,93% auf der NSE). Der Grund: Infosys hat für FY27 ein Umsatzwachstum von nur 1,5 bis 3,5 Prozent in Aussicht gestellt — unterhalb der Markterwartungen und ein weiteres Jahr gedämpfter Expansion inmitten globaler makroökonomischer Unsicherheiten und der sich entfaltenden KI-Disruption.

Der KI-Wettlauf läuft — mit oder ohne neuen CEO

Parallel zur Nachfolgefrage befindet sich Infosys mitten in einer strategischen Transformation, die keine Führungspause verträgt.

Parekh beschreibt einen adressierbaren Markt von 300 Milliarden US-Dollar für sechs KI-Dienste. Der KI-Umsatzanteil lag Ende des dritten Quartals bei 5,5 Prozent — im vierten Quartal stieg er weiter, mit “massivem Traction” laut Parekh.

Laut Parekh führen inzwischen 90 Prozent der 200 größten Kunden von Infosys KI-Initiativen durch. Das Unternehmen hat Kooperationen mit Foundation-Model-Unternehmen wie Anthropic und OpenAI sowie strategische Allianzen mit Google Gemini, NVIDIA, Microsoft, AWS und Intel aufgebaut.

Die OpenAI-Partnerschaft wurde im April 2026 angekündigt und ergänzt die bereits laufende Anthropic-Kooperation: Anthropics Claude-Modelle, darunter Claude Code, werden mit Infosys’ eigenem Topaz-KI-Plattform integriert. Die Partnerschaft fokussiert auf regulierte Sektoren wie Telekommunikation, Finanzdienstleistungen, Produktion und Software-Entwicklung.

Doch diese Transformation braucht strategische Kontinuität. Parekh selbst bleibt beim Thema Nachfolgeplanung unverbindlich — und verweist auf Chairman Nandan Nilekani als treibende Kraft hinter der KI-Roadmap des Unternehmens. Das wirft eine zentrale Frage auf: Wie viel von der KI-Strategie hängt an Parekh persönlich, wie viel an der Struktur?

Das geopolitische Umfeld komprimiert den Spielraum

Erschwerend kommt hinzu, dass das externe Umfeld für indische IT-Konzerne strukturell schwieriger wird. Indiens fünf größte IT-Unternehmen schlossen FY26 an einem kritischen Wendepunkt ab — sie navigieren gleichzeitig makroökonomischen Gegenwind, Risiken im Nahen Osten und die doppelschneidigen Folgen der KI: KI-getriebene Produktivität deflationiert Legacy-Umsätze, während milliardenschwere neue KI-Engagements entstehen.

Analysen zufolge wären mehr als 93 Prozent der neuen Infosys-H-1B-Einstellungen in einem bestimmten Zeitraum von der auf 100.000 US-Dollar erhöhten Visumsgebühr betroffen gewesen — ein potenzieller Kostenschock von über einer Milliarde US-Dollar.

Und: Die FY27-Gehaltsrunde ist noch nicht entschieden. CFO Jayesh Sanghrajka begründet das mit dem schwachen Wachstumsumfeld und dem Druck auf diskretionäre Ausgaben.

Was bedeutet das für Investoren mit MSCI-India-Exposure?

Infosys ist eine relevante Position im MSCI India Index. Die Nachfolgefrage ist kein abstraktes Governance-Problem — sie hat direkten Einfluss auf die strategische Agenda der nächsten 24 Monate.

Vier Fragen bleiben offen:

1. Kann Nandan Nilekani die Lücke überbrücken? Als nicht-exekutiver Chairman ist Nilekani eine starke Figur — doch eine operative Führungslücke kann er strukturell nicht füllen.

2. Wer ist der interne CEO-Kandidat? Jayesh Sanghrajka ist als CFO stark aufgestellt, gilt aber nicht als gesetzt. Die fehlende Benennung eines designierten Nachfolgers ist selbst ein Signal.

3. Wie reagieren institutionelle Investoren auf die ESOP-Vergabe? Die Genehmigung von ₹51,75 Crore ESOPs für einen CEO, dessen Mandat in weniger als einem Jahr endet, dürfte auf der AGM-Agenda stehen.

4. Beschleunigt oder verzögert die Nachfolgeunsicherheit die KI-Transformation? Parekhs Amtszeit begann mit der Stabilisierung nach einer Governance-Krise. Die nächste Führungsgeneration muss nicht stabilisieren — sie muss transformieren. Der Zeitplan dafür wird im Juni gesetzt.