Mumbai/Berlin, 10. Mai 2026
Indiens größter Infrastrukturkonzern Larsen & Toubro (L&T) hat am 5. Mai seinen Abschlussbericht für das vierte Quartal des Geschäftsjahres FY26 (Januar–März 2026) vorgelegt — und dabei ein charakteristisches Zweigesicht gezeigt: ein historisch einmaliges Auftragspolster auf der einen Seite, Margenspruck und geopolitische Verwerfungen auf der anderen. Dass gleichzeitig ein bedeutender Führungswechsel in der Finanzabteilung bekanntgegeben wurde, macht das Bild für MSCI-India-Investoren noch vielschichtiger.
Rekordauftragsbuch — aber Gewinn rutscht
Der Konzern, der als Barometer des indischen Infrastruktursektors gilt, meldete für Q4 FY26 einen konsolidierten Umsatz von ₹82.762 Crore — ein Plus von 11% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Beim Gewinn jedoch sieht die Rechnung weniger erfreulich aus: Das Nettoergebnis fiel um 3,1% auf ₹5.326 Crore, verglichen mit ₹5.497 Crore im Q4 FY25. Als Hauptursache nannte das Unternehmen einen Basiseffekt: Im Vorjahreszeitraum hatte ein außerordentlicher Einmalgewinn von ₹475 Crore das Ergebnis aufgebläht.
Der eigentliche Blickfang ist das Orderbuch. Per 31. März 2026 steht der konsolidierte Auftragsbestand bei einem Allzeithoch von ₹7,40 Billion — ein Zuwachs von 28% gegenüber März 2025. Internationale Aufträge machen dabei 52% des Gesamtbuchs aus. Im Gesamtjahr FY26 sicherte sich L&T Bestellungen im Wert von ₹4,35 Billion — ein Jahreswachstum von 22%.
Trotzdem ließ der Markt die Meldung kalt. Die L&T-Aktie verlor am 6. Mai 2026 weitere 3,16% und notierte bei ₹3.928, nachdem sie bereits am Meldungstag um rund 1,1% nachgegeben hatte.
Margen unter Druck — Nahost als Systemrisiko
Hinter den Umsatzzahlen verbirgt sich ein Margenproblem. Das EBITDA stieg zwar auf ₹8.610 Crore (+5% YoY), aber die EBITDA-Marge kontrahierte auf 10,4% — eine Kompression von 62 Basispunkten gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Kostendruck im Projektmix und Logistikprobleme sind die Haupttreiber.
Das zentrale Risiko: L&T hat rund 40% seines gesamten Auftragsbestands im Nahen Osten. Der anhaltende Iran-Krieg — der die Region seit Anfang 2026 erschüttert — hat Lieferketten gestört, Zahlungsverzögerungen verursacht und Transportkosten erhöht. Analysten von Motilal Oswal, Macquarie, Axis Capital und Jefferies haben explizit auf Risiken für das Nahostgeschäft hingewiesen, darunter mögliche Projektverzögerungen und höhere Ausführungskosten.
Chairman und Managing Director S. N. Subrahmanyan versuchte in der Ergebnispräsentation zu beruhigen: Alle Baustellen seien operativ, alle Mitarbeiter sicher, kein Projekt sei storniert worden. Gleichzeitig räumte er ein, dass der Westasien-Konflikt die Performance im ersten Halbjahr FY27 belasten werde — primär durch Lieferkettenengpässe. Für das Gesamtjahr FY27 rechnet L&T dennoch mit 10–12% Umsatzwachstum und stabilen Margen.
Dividende und Sonderposten
Der Vorstand empfahl eine Schlussdividende von ₹38 je Aktie (Nennwert ₹2) für FY26. Als Stichtag wurde der 22. Mai 2026 festgesetzt. Im Jahresverlauf belastete ein Einmalposten von ₹1.155 Crore (nach Steuern und Minderheiten) die Bilanz — eine Sonderrückstellung für Arbeitnehmerleistungen im Zuge der Einführung neuer Arbeitskodizes.
Auf Jahresbasis legte der Konzerngewinn um 6,96% auf ₹16.084 Crore zu, während der Jahresumsatz um 11,79% auf ₹2,85 Billion stieg. Internationale Erlöse machten dabei 54% der Gesamterlöse aus und spiegeln die starke Offshore-Präsenz des Konzerns wider.
CFO-Wechsel und neue Board-Mitglieder
Parallel zu den Quartalszahlen gab L&T am 5. Mai einen substanziellen Führungswechsel bekannt. R. Shankar Raman, der seit September 2011 als CFO amtiert und das Finanzressort durch eine Phase enormen Wachstums geführt hat, legt sein Amt zum 30. Juni 2026 nieder. Sein Nachfolger: P. Ramakrishnan, ein Chartered Accountant mit 33 Jahren L&T-Konzernzugehörigkeit. Ramakrishnan war zuletzt CFO der börsennotierten L&T-Tochter L&T Technology Services und verfügt über umfassende Erfahrung in Accounting, Treasury und Risikomanagement. Sein Amtsantritt ist auf den 1. Juli 2026 terminiert.
Zugleich genehmigte der Vorstand die Ernennung von Vijay Sankar — Chairman der Sanmar Group — als unabhängiges Boardmitglied mit Wirkung ab 27. Mai 2026 für eine Amtszeit von fünf Jahren.
Lakshya 2031: Strategischer Anker für Langfristinvestoren
L&T hat im Rahmen der Q4-Präsentation auch seinen mittelfristigen Strategierahmen konkretisiert: das Programm „Lakshya 2031" sieht bis zum Geschäftsjahr 2031 eine jährliche Wachstumsrate von 10–12% bei Auftragseingang und Umsatz vor. Strategische Investitionsschwerpunkte sind Rechenzentren, Verteidigung, Elektronik und grüne Energie — ergänzt durch den Rückzug aus dem Konzessionsportfolio: die Veräußerungen von Nabha Power Limited und L&T Metro Rail (Hyderabad) Limited sollen bis 30. Juni 2026 abgeschlossen sein.
Die FII-Beteiligung sank im Berichtsquartal um 1,28 Prozentpunkte auf 18,78% — ein Zeichen für taktische Gewinnmitnahmen internationaler Investoren nahe dem 52-Wochen-Hoch, wenngleich noch immer 940 ausländische institutionelle Investoren engagiert sind. Inländische Fonds erhöhten ihren Anteil leicht auf 20,50%.
Was bedeutet das für Investoren mit MSCI-India-Exposure?
L&T macht 2,04% des MSCI India Index aus — als Infrastruktur-Barometer bewegt sich der Konzern oft im Gleichklang mit dem breiteren Kapitalzyklus Indiens. Vier Fragen dominieren derzeit die Investorenperspektive:
Nahost-Eskalation oder Deeskalation? Rund 40% des Auftragsbestands hängen an einer Region im Kriegszustand. Wie lange kann L&T Projektverzögerungen und Kostensteigerungen absorbieren, bevor sie sich fundamental im Ergebnis niederschlagen?
Margenstabilität bei FY27-Guidance? L&T verspricht stabile EBIT-Margen — doch gleichzeitig soll der CFO-Stuhl wechseln und die Nahost-Belastung anhalten. Ist die Guidance konservativ oder optimistisch?
CFO-Wechsel: Kontinuität oder Kurswechsel? Ramakrishnan kommt aus dem Konzerninneren und gilt als Kontinuitätsgarant. Doch Shankar Raman prägte die Kapitalmarktkommunikation über 15 Jahre. Wie reagieren Analysten und Ratingagenturen auf den Wechsel?
Bewertungsfrage bei P/E ~34x? L&T handelt mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis, das deutlich über dem Branchendurchschnitt liegt. Rechtfertigt das Rekordauftragsbuch allein diese Prämie — oder müssen Margen und Gewinnwachstum spürbar zulegen?
