Mumbai/Berlin, 9. Mai 2026
Jio will ins All — und Reliance braucht eine neue Wachstumsgeschichte
Für Mukesh Ambani war der Mai bislang ein Monat der Kontraste. Während sein Konglomerat Reliance Industries auf dem Papier als zweitgrößte Position im MSCI India Index notiert — mit einer Gewichtung von 6,58 % bei einer Marktkapitalisierung von rund 91,8 Milliarden US-Dollar (Stand: 30. April 2026) — kämpft die Aktie im laufenden Jahr mit einem Kursrückgang von annähernd 9 Prozent. Das Q4-Ergebnis für das Geschäftsjahr 2026 enttäuschte: Der konsolidierte Nettogewinn brach im Jahresvergleich um 12,5 % ein. Gleichzeitig platzte ein grüner Hoffnungsträger: Der geplante Kauf eines Übertragungsnetzbetreibers für Grünen Wasserstoff scheiterte in letzter Minute. Nun sucht Ambani die Wachstumsantwort im Weltall.
Sechs Teams, Milliarden-Budget, kein Zeitplan
Laut einem Bericht des Economic Times vom 6. Mai 2026 evaluiert Reliance Industries einen groß angelegten Einstieg in die Satellitenkommunikation über das Segment Low Earth Orbit (LEO). Das Projekt soll unter Jio Platforms angesiedelt werden, das bereits Indiens größtes Telekommunikationsnetz mit 515 Millionen Abonnenten betreibt. Sechs interne Teams wurden gebildet, die sich mit verschiedenen Aspekten des Vorhabens befassen: Satellitenbau, Raketenstarts, Nutzlasten und Nutzer-Terminals. Gespräche mit Satellitentechnologie-Firmen laufen nach Informationen von Insidern seit Monaten auf Hochtouren.
Neben dem organischen Aufbau prüft Reliance auch Akquisitionen: Unternehmen mit bereits gesicherten Orbitalslots und vorhandener Infrastruktur stehen im Visier. Parallel dazu hat Reliance Gespräche mit Indiens Telekommunikationsministerium (DoT) aufgenommen, um Orbitalslot-Anträge bei der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) vorzubereiten. Key-Executives, die das Projekt vorantreiben, sind neben Ambani selbst RIL-Präsident PK Bhatnagar, Jio Platforms CEO Mathew Oommen und Senior Vice President Aayush Bhatnagar.
Das strategische Ziel ist ehrgeizig: Jio soll zu einem der größten Akteure im LEO-Segment werden — einem Markt, der derzeit von Elon Musks Starlink und Amazons Project Kuiper dominiert wird. Ein LEO-Orbit liegt typischerweise zwischen 500 und 1.200 Kilometern Höhe und ermöglicht Latenzen von 20 bis 40 Millisekunden, vergleichbar mit Festbreitband.
Strategische Kehrtwende: Vom Starlink-Distributor zum Starlink-Rivalen
Die geplante Konkurrenz zu Starlink hat eine pikante Vorgeschichte. Erst im März 2025 hatte Jio eine Vertriebspartnerschaft mit SpaceX unterzeichnet und sich verpflichtet, Starlink-Geräte über seine Einzelhandelsfilialen und Online-Marktplätze zu vertreiben sowie Installations- und Aktivierungssupport zu leisten. Jetzt, keine 14 Monate später, evaluiert das Unternehmen offenbar eine eigene Konstellation — was Jio zum direkten Konkurrenten desselben Unternehmens machen würde, dessen Hardware seine Läden aktuell verkaufen.
Hintergrund ist auch die geopolitische Dimension: China hat bereits Anmeldungen für rund 200.000 Satelliten über mehrere LEO-Konstellationen bei der ITU eingereicht. Indiens Weltraumbehörde IN-SPACe hat die Machbarkeit einer eigenen nationalen Nicht-Geostationär-Satellitenkonstellation erörtert — die digitale Souveränität steht auf dem Spiel. Für Reliance würde ein eigenes LEO-Netz strategische Unabhängigkeit von ausländischen Netzen bedeuten und das bestehende Jio-5G-Netz in ländliche und abgelegene Regionen verlängern, die Glasfaser nicht erreicht.
Wichtiger Vorbehalt: Laut mehreren Berichten befinden sich die Pläne noch im Explorationsstadium. Weder Investitionsvolumen noch Zeitplan wurden bisher festgelegt. Reliance hat keine offizielle Stellungnahme abgegeben.
Q4 FY26: Kerngeschäft unter Druck
Die Dringlichkeit hinter der Satellitenoffensive erklärt sich auch aus den jüngsten Quartalszahlen. Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 (Januar bis März) verbuchte Reliance Industries einen konsolidierten Nettogewinn von rund 16.971 Crore Rupien — ein Rückgang von 12,5 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Besonders das Kerngeschäft Oil-to-Chemicals (O2C) geriet unter Druck: Die EBITDA-Marge sank um 130 Basispunkte auf 7,9 % (Vorjahr: 9,2 %), das O2C-EBITDA fiel auf 14.520 Crore Rupien nach 15.080 Crore Rupien im Q4 FY25.
Als Hauptbelastungsfaktor gelten der Nahost-Konflikt und gestiegene Rohölpreise, die Reliances Petrochemiegeschäft — das laut Analysten mehr als 50 % des Konzernumsatzes ausmacht — empfindlich getroffen haben. Zusätzlich sah sich Reliance mit US-amerikanischem Druck konfrontiert, den Kauf russischen Öls einzuschränken, und musste seine Beschaffungsstrategie anpassen. Auch auf der Technologieseite gab es Rückschläge: Die geplante Produktion von Lithium-Ionen-Zellen scheiterte, nachdem der chinesische Partner Xiamen Hithium einen Lizenzvertrag stornierte.
KGTL-Deal geplatzt: Grüner Wasserstoff vorerst abgehakt
Einen weiteren Dämpfer kassierte Reliance Anfang Mai: Der Erwerb von Kandla GHA Transmission Limited (KGTL), einem Übertragungsnetzbetreiber, der für die Grüne-Wasserstoff-Infrastruktur in Kandla, Gujarat, geplant war, scheiterte. Das Unternehmen hatte dem Kauf am 25. April 2026 zugestimmt — für weniger als 20 Crore Rupien ein vergleichsweise symbolischer Betrag. Doch am 6. Mai teilte der Verkäufer PFC Consulting mit, den Bieterprozess abzubrechen. Reliance erklärte daraufhin offiziell gegenüber den Börsen, keine Anteile an KGTL erwerben zu werden. Die Aktie reagierte am 7. Mai 2026 mit einem leichten Rückgang auf rund 1.435,50 Rupien an der NSE.
MSCI India: Reliance im Kontext des Index-Rebalancings
Als zweitgrößte Position im MSCI India Index — nach HDFC Bank (6,64 %) — trägt Reliance maßgeblich zur Performance des Barometers bei. Der Index umfasst 164 Konstituenten mit einer Gesamtmarktkapitalisierung von rund 1,39 Billionen US-Dollar und deckt laut MSCI etwa 85 % des indischen Aktienuniversums ab. Weitere Top-Positionen sind ICICI Bank (5,05 %), Bharti Airtel (3,66 %) und Infosys (2,90 %).
Zeitgleich richtet sich der Marktblick auf das MSCI India Rebalancing im Mai 2026: Laut einer Analyse von Axis Capital könnten Federal Bank, MCX, NALCO und Adani Green Energy in den Index aufgenommen werden, mit geschätzten passiven Mittelzuflüssen von jeweils 190 bis 380 Millionen US-Dollar. MSCI führt seine Indexüberprüfung viermal jährlich durch — im Februar, Mai, August und November —, wobei Änderungen typischerweise zum Monatsende wirksam werden.
Was bedeutet das für Investoren mit MSCI-India-Exposure?
Die Reliance-Saga des Mai 2026 wirft für Anleger mit Exposure zum MSCI India Index mehrere ungelöste Fragen auf:
- Kapitalallokation: Kann Reliance die enormen Investitionen in LEO-Satelliten, KI-Infrastruktur und grüne Energie stemmen, ohne das Kerngeschäft weiter unter Druck zu setzen — und welchen Einfluss hätte eine potenzielle Jio-IPO-Bewertung auf das Gesamtbild?
- Geopolitisches Risiko: Wie stark belastet der Nahost-Konflikt mit seinen Auswirkungen auf Rohölpreise und Beschaffungsrouten das O2C-Segment im laufenden Geschäftsjahr FY27 weiter?
- Regulatorische Hürden: Wann erhalten LEO-Anbieter in Indien endgültige Sicherheitsfreigaben — und verändert eine eigene Jio-Konstellation die Wettbewerbsdynamik gegenüber Starlink und Kuiper grundlegend?
- Indexgewicht: Falls Reliances Aktie die Underperformance von rund 9 % im laufenden Jahr fortsetzt, droht mittelfristig eine Verringerung des Indexgewichts — mit entsprechenden Konsequenzen für passive Fonds mit MSCI-India-Benchmark?
