Veldhoven/München, 19. Mai 2026

ASML-CEO Christophe Fouquet gab Anfang Mai 2026 in einem viel beachteten Interview gegenüber TechCrunch eine bemerkenswert selbstsichere Antwort auf die Frage, ob China seine EUV-Technologie replizieren könne: „No one is coming for us." Fouquet begründete die Aussage damit, dass kein einziges EUV-System je nach China geliefert worden sei – und ohne Maschine sei kein Reverse Engineering möglich. Für Investoren mit MSCI-World-Exposure klingt das beruhigend. Aber die Realität ist komplizierter.

In einem Hochsicherheitslabor in Shenzhen ist seit Anfang 2025 ein EUV-Prototyp in Betrieb, der bereits extremes Ultraviolett-Licht erzeugt. Das berichten Reuters-Quellen, die von mehreren internationalen Medien aufgegriffen wurden. Die Maschine produziert noch keine funktionsfähigen Chips – aber ihre bloße Existenz markiert einen Einschnitt in die Annahmen, auf denen ASMLs Investmentcase seit Jahren basiert.

Wie China ohne ASML-Maschine eine EUV-Maschine baute

Fouquets Argument ist technisch korrekt: Kein EUV-System wurde je an einen chinesischen Kunden geliefert. Doch China löste das Problem auf einem anderen Weg. Das Shenzhen-Gerät wurde von einem Team ehemaliger ASML-Ingenieure entwickelt, die die EUV-Lithographiemaschinen des Unternehmens reverse-engineerten. Statt der Maschine selbst importierte China das Wissen derjenigen, die sie jahrzehntelang gebaut hatten.

Die Rekrutierung dieser Ex-ASML-Veteranen war Teil einer seit 2019 laufenden aggressiven Talentoffensive mit Signing-Boni von 3 bis 5 Millionen Yuan (bis zu 700.000 Dollar) sowie Wohnkostensubventionen. Zu den Rekrutierten gehörte unter anderem Lin Nan, ASMLs früherer Leiter der Lichtquellentechnologie, dessen Forschungsteam am Shanghai Institute of Optics innerhalb von 18 Monaten acht EUV-Lichtquellen-Patente angemeldet hat.

Für den Bau des Prototyps verwendete China Bauteile älterer ASML-Maschinen, die über den Sekundärmarkt beschafft wurden. Fouquets Argument – man wisse, wo jedes gelieferte System sei – gilt für EUV-Maschinen. Ältere DUV-Systeme, die weltweit weiterverkauft werden, fallen nicht darunter.

Das Projekt ist Teil einer sechsjährigen nationalen Initiative unter Aufsicht der Zentralen Wissenschafts- und Technologiekommission der KPCh unter Ding Xuexiang, einem engen Vertrauten von Präsident Xi Jinping. Innerhalb dieser Strategie hat Huawei eine koordinierende Rolle übernommen und staatliche Forschungsinstitute mit privaten Partnern vernetzt – ein Ansatz, den mehrere Beteiligte als „Manhattan-Projekt" für Halbleiter beschreiben.

Der Widerspruch im Detail

Fouquets Zuversicht ist nicht ohne Grundlage. ASML hatte sein erstes EUV-Bild vor 30 Jahren – und brauchte danach noch 20 Jahre harter Arbeit, um daraus ein Fertigungssystem zu machen. Das ist keine Zahl, die sich durch staatliche Budgets wegkaufen lässt.

Aber der Shenzhen-Prototyp zeigt, dass der Abstand schneller schrumpft als erwartet. Während China ein EUV-Prototyp entwickelt hat, ist dieser deutlich weniger ausgereift als ASMLs Systeme. Der Prototyp ist für Tests funktionsfähig, aber China steht noch vor erheblichen technischen Hürden – insbesondere bei den ultra-präzisen optischen Systemen westlicher Zulieferer. Chinas Prototyp hinkt ASMLs Maschinen vor allem deshalb hinterher, weil es Forschern bislang nicht gelungen ist, optische Systeme zu beschaffen, wie sie von Deutschlands Carl Zeiss AG geliefert werden.

Zeiss ist dabei der eigentliche Flaschenhals – nicht ASML selbst. Ohne die Hochpräzisionsoptik aus Oberkochen bleibt jeder EUV-Prototyp ein Laborgerät.

Die chinesische Regierung hat offiziell das Ziel, mit dem Prototyp bis 2028 funktionsfähige Chips zu produzieren – Beteiligte halten 2030 für eine realistischere Zeitlinie. Das ist immer noch deutlich früher als die Dekade, die Analysten bisher für nötig hielten.

Q1 2026: Starke Zahlen, schrumpfendes China-Geschäft

ASML selbst operiert aus einer Position der Stärke. Im ersten Quartal 2026 erzielte das Unternehmen 8,8 Milliarden Euro Umsatz und 2,8 Milliarden Euro Nettogewinn. Die Jahresprognose wurde auf 36 bis 40 Milliarden Euro angehoben.

Das Wachstum kommt allerdings nicht aus China. Verkäufe nach China sanken auf 19 Prozent des Net System Sales (Systemumsatz), verglichen mit 36 Prozent im Vorquartal. Der strukturelle Rückgang ist politisch erzwungen: ASML erwartet, dass die Nachfrage seiner chinesischen Kunden in 2026 erheblich sinkt, bedingt durch den Widerruf beschleunigter VEU-Lizenzausnahmen für Micron, Samsung, SK Hynix und TSMC sowie eine nachlassende Nachfrage lokaler Chiphersteller.

Ein weiteres Risiko: CFO Roger Dassen erklärte gegenüber Bloomberg, ASML sei gut auf Chinas Exportkontrollen für Seltene Erden vorbereitet. Das Unternehmen halte aufgrund langer Vorlaufzeiten ausreichend Rohmaterial für die kurzfristige Nachfrage seiner Kunden bereit. Was nach Erschöpfung der Reserven passiert, bleibt jedoch unklar.

Die Lobby-Offensive: Fouquet alarmiert Brüssel

Fouquet kämpft an zwei Fronten gleichzeitig. Neben der China-Frage hat er öffentlich eine zweite Schwäche von ASML benannt, die struktureller Natur ist: Lediglich 1 Prozent der von ASML verkauften Maschinen geht an europäische Kunden. Laut Fouquet ist das eine enorme rote Flagge.

ASML unterzeichnete gemeinsam mit Airbus, Ericsson, Mistral AI, Nokia, SAP und Siemens einen Aufruf für Europas Tech-Wettbewerbsfähigkeit, sagte CEO Christophe Fouquet auf der Hauptversammlung des Unternehmens. Der Konzern plant laut Fouquet, gemeinsam „Ideen einzubringen und Forderungen zu stellen" für eine stärkere Technologiebranche in Europa.

In einem ungewöhnlich direkten LinkedIn-Beitrag legte Fouquet den Finger in die Wunde: Europa konsumiere Chips, schaffe aber kaum Wert in der Halbleiter- und KI-Industrie. Während der Kontinent für einen erheblichen Teil der weltweiten Chip-Nachfrage steht, wird die Infrastruktur und Software anderswo gebaut.

Was bedeutet das für Investoren mit MSCI-World-Exposure?

ASML bleibt mit einem Gewicht von 0,64 Prozent im MSCI World eine der wichtigsten europäischen Einzelpositionen im Index – und die einzige Aktie mit einem faktischen Monopol auf EUV-Lithographie. Der Investmentcase basiert auf drei Prämissen: Technologischer Vorsprung, regulatorische Rückendeckung und steigende KI-getriebene Nachfrage. Alle drei sind unter Druck.

Für Investoren stellen sich nach dem Shenzhen-Bericht und Fouquets Interview vier offene Fragen:

1. Hält der HVM-Gap? ASML hat 20 Jahre Lernkurve in der Serienproduktion. Kein Geld kauft das weg. Aber wie lange gilt das noch, wenn Tausende Ingenieure mit staatlichem Budget gezielt an den Bottlenecks arbeiten?

2. Ist Zeiss der entscheidende Schutzwall? Wenn Chinas EUV-Prototyp an der Hochpräzisionsoptik scheitert – und Zeiss weiter unter deutschen Exportkontrollen steht – verlängert sich der chinesische Zeitplan erheblich. Aber Zeiss ist ein einzelner Punkt im System.

3. Sind Militär-Chips der eigentliche Zielmarkt? China muss keine kommerzielle Yield-Rate erreichen. Wenn der Prototyp bis 2028 Chips für militärische Anwendungen in kleinen Stückzahlen produziert, ist das politisch ausreichend – auch wenn er ökonomisch unrentabel ist.

4. Wann ist Fouquets Selbstbewusstsein ein Risiko? „No one is coming for us" ist kommunikativ stark. Aber Investoren, die ASMLs Monopol als statisch betrachten, könnten die Geschwindigkeit des chinesischen Aufholprozesses unterschätzen – und damit die Zeitlinie für strategische Anpassungen.